Männlichkeit

Noch vor einigen Jahren war das Leben nicht einfacher, auf jeden Fall aber anders. Da galt es, einen Beruf zu erlernen, den richtigen Beruf zu finden, sich dort zu etablieren, möglichst Ziele erreichen, um Karriere zu machen.

Gleichzeitig kamen die Kinder, Haus und Hof forderte einen obendrein, wobei allein für die Kinder schon ein eigenes oder mehrere Kapitel zu erwähnen wäre. Die Ehefrau wühlt voll mit, zu Hause allemal mehr, jeder der beiden Partner erfüllt mehrere Aufgaben und Rollen zur gleichen Zeit.

Jeder erfüllt seinen Part, bemüht sich um Perfektion. Allein, wie meine Frau über Jahre für drei Kinder jeden Tag gekocht und getan hat, nötigt mir allergrößten Respekt ab. Das ist der absolute Wahnsinn an Leistung, die überhaupt nicht hoch genug noch gelobt und anerkannt werden kann. Ja, ich sagte es ihr.

Die Kinder sind wohlgeraten bzw. geraten noch. Das Haus bedarf irgendwie eines Updates, nicht größer, sondern eher kleiner oder anders. Der Job muss auch irgendwie anders gestaltet werden.

Vorallem die Beziehung jedoch, die jahrelang litt und sich nicht so recht in die sorgenfreien und luftigen pränatalen Zeiten anschließen will, bedarf neuer Betrachtung und Pflege. Da blieb doch eine Menge auf der Strecke. Ich möchte wieder miteinander, als nebeneinander. Nur, geht das mit der Frau, nur geht das mit dem Mann, die/der mitunter andere wurden? Still und heimlich nebeneinander her? Will ich die Sehnsucht leben, bleibt die Sehnsucht nur dies und ohne Aussicht auf Wirklichkeit oder ist das, was ist, das, was auch nur sein kann?

Eine andere Liebe, kann sie die Lösung sein? Oder ist dies keine Lösung, sondern ein vorgescheiterter Weg?

Ist primär an ganz anderer, unerwarteter Stelle zu suchen? In mir selbst? Muss ich den Mann zuerst in mir suchen, der ich sein will, um er zu sein, muss ich den verdrängten Vater suchen?

Mein Kind suche ich schon länger, bin da schon viel weiter. Aber der Vater, der zwar da war, aber nie so richtig präsent und mir nicht zeigte, was ein richtiger Mann ist, will doch auch innere Anerkennung.

Klar, mein Vater zeigte mir, wie ich einen Bohrer halten muss, wie ich mein Fahrrad sauber halte, dass ich nicht weinen soll, sofern das mit dem Bohrer nicht klappte und ich den Finger traf. Das war für mich Männlichkeit. Auch das Zurückpoltern, wenn meine Mutter ihm zu nahe kam, das Zurückweisende, das nicht Auffangende.

Was mir von da früher, in meiner Jugend fehlte, ist das Haltende und Offene, das Empfindsame, das ruhig Überlegte. Fehler machen zu dürfen und zu müssen, daraus zu lernen, dazu stehen, die Verantwortung übernehmen, es das nächste Mal besser machen und nicht  an Perfektionsdenken zu scheitern.

Das ist Männlichkeit, das lernte ich, selbstbeigebracht, aber nicht anerzogen. Ein enhimmelgroßer Unterschied bedeutet es, die Umsetzung erfolgt nicht selbstverständlich.

Ich weiss, ich kann das, dachte nur immer, das wäre falsch, zu weich, zu unmännlich. Gelernt habe ich das mittlerweile, nur nicht von meinem Vater, den ich irgendwie ablehne, weil ich es auch so vorgelebt bekommen habe. Die Mutter hat am Ende recht.

Nun geht mir auf, wie wenig ich mir erlaube, männlich zu sein. Ist mir das überhaupt wirklich bewusst? Verwechsele ich Männlichkeit mit Hart sein oder sogar Brutalität? Nein, bei mir ist es eher „ein der Mutter gerecht werden“. Eine fiese Erkenntnis, ich bin oder war mutterorientiert.

Welche Auswirkungen dieses Muster auf die Liebes- und Beziehungsfähigkeit hat, lässt sich mehr als nur erahnen, sondern in der einschlägigen Literatur nachlesen.

Ein weites Feld, das ich mir anschauen muss. Bis dahin will ich aber nicht auf eine liebevolle Beziehung verzichten. Ich weiss noch immer nicht, ob das mit meiner Frau geht. Aber geht es mit einer anderen Frau? Ist das eine Lösung? Bin ich wieder zu streng mit mir? Fand ich nur wieder ein neues Feld, um mich vor Entscheidungen zu drücken (unmännlich)?

Was ist tatsächlich männlich?

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5 Antworten zu “Männlichkeit

  1. Notos, das sind sehr interessante, wichtige Überlegungen.
    Aus meiner Sicht und nach meiner Erfahrung, zwar als Frau aber nicht wesentlich anders, denke ich, man muß wirklich zunächst bei sich selber auf den Grund gehen und den, den man da vorfindet lieben lernen.
    Das ist schwer und fordert viel Kraft.
    Deine Offenheit imponiert mir sehr, aber das habe ich schon im alten Blog gedacht.

    Wie steht eigentlich Deine Frau zu diesen Gedanken?
    Kann sie das verstehen, hat sie ähnliche?

    LG
    SK

    • eine sehr gute Frage, sweetkoffie, meine Frau, was sagt sie dazu? Diesen Text müsste ich ihr unter die Nase halten. An anderen Stellen sprachen wir in abgeschächter Form über das Thema Kindheit. Sie ist da ganz anders aufgestellt als ich, pragmatischer, ihre Prämisse ist, da die Kindheit vorbei ist, muss auch nicht mehr hinschauen. Sie will das nicht und tut das nicht und ist regelmäßig über meine Gedanken verunsichert. Sie hasst diese Gedankenauseinandersetzung förmlich. Eigentlich eine für mich völlig untypische weibliche Sichtweise. Ihr Ansatz ist im klassischen-negativen Sinn sehr männlich.
      Lieben Gruß
      Notos

  2. Ist das denn wichtig, eine allgemeingültige Definition, was männlich, was weiblich ist? Gibt es die? Ich denke eher nicht. Ich gebe Sweetkoffie recht. Man sollte schauen, wer man ist und wie man ist und sich lieb haben lernen. Dieses ganze Männlichkeits-/Weiblichkeitsgedöns ist doch mehr Klischee als sonstwas.

  3. Auch wer nicht entscheidet (weil er sich davor drückt), entscheidet sehr wohl, nur einfach passiv, dies aber nur nebenbei.
    Ich bin (im privaten Bereich) ein Zauderer, wäge oftmals ab, habe Bedenken, den oder den Schritt zu tun, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Doch auch dies sei gesagt: nicht jeder, der schnell entscheidet, ist per se ein Mann. Nicht die Schnelligkeit, die Qualität eines Entscheids ist wichtig.

    • @Peter. Was haben den Geschwindigkeit und/oder Qualität von Entscheidungen mit dem Geschlecht zu tun? Es gibt doch gleichermaßen Frauen und Männer, die zaudern, die schnell entscheiden, die sorgfältig abwägen, die überstürzt handeln oder sich ewig im Kreis drehen?!

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