Monatsarchiv: Februar 2012

Nichts Neues von Frau B.

Ich würde gern über Frau B. schreiben. Nur ich spüre starke Hemmungen. Mein Blog ist zu offen. (Ja, du hattest recht, du hast mich gewarnt).

Schreibe ich über Frau B., was war, was ich fühlte, dann könnte das meine Frau lesen. Ich will das nicht, um ihr nicht weh zu tun.

Dabei weiss ich noch nicht einmal, ob sie tatsächlich liest. Irgendwie vertrackt. Lese ich diese Zeilen, komme ich mir selbst total bescheuert vor.

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Mein Bruder

Er ist erkrankt. Genaues weiss ich nicht. Er lebt nicht hier, sondern am anderen Ende der Republik. Nicht einmal anrufen kann ich ihn. Zumindest nicht aktuell und jetzt. Ich muss bis morgen warten.

Unsere Eltern wollen sich auf den Weg machen. Ich habe ein komisches Gefühl dabei. Mitleid und Trauer. Mit den beiden, weil sie die Strapazen auf sich nehmen wollen. Und weil sie um ihn Angst haben. Ich darf diesen Gedanken nicht weiterdenken, weil ganz viel Trauer und Mitgefühl mit den beiden hochkommt.

Unser Verhältnis, also das zu meinen Eltern, war oft sehr gespannt. Sehr. Nun diese Gefühle.

Und mein Bruder? Was fühle ich da? Irgendwie gerade nichts. Wir haben ein gutes Verhältnis, aber jeder lebt sein Leben, ich hier, er dort. Dann das jetzt. Er ist jünger, als ich.

Fühle ich wegen meiner Eltern, bin ich bei ihm irgendwie taub. Mich irritiert das. Ich glaube, ich habe ihn ganz lange abgespalten. Dies ist der Grund, warum ich ihn so wenig spüre. Zeitweise musste ich das tun. Meine Eltern machten sich immer Sorgen um ihn, ich auch. Diesen ständigen Druck konnte ich nicht aushalten.

Die Elternfamilie, das seltsame Gebilde.

Bundesarchiv Bild 183-28648-0001, Lehrer im Ge...

Ich hoffe, die Sorgen zerschlagen sich und es bleibt nichts ernstes. Hoffentlich kann ich ihn morgen erreichen.

Ausgelebt

Eben ging ich durch die Stadt und begegnete zwei älteren Damen, die sehr in ein Gespräch vertieft Hand in Hand durch die Stadt spazierten.

Hand in Hand fiel mir auf, weil ich es ungewöhnlich fand, und ein paar Wortfetzen fing ich auf. Thema waren ihre Ehemännern und irgendetwas von „nicht gesagt“.

Meine Fantasie ratterte los und ich stellte mir vor, die beiden laufen gedankenverloren durch die Stadt und erzählen sich rückwärtsgewandt aus ihrem langen Leben. Über 80 Jahre alt waren sie allemal. Dabei kamen sie auf ihre längst verstorbenen Ehemänner zu sprechen, über die schönen, bitteren und schmerzhaften Zeiten. Was ich nicht erfuhr, war, ob sie ihren Männern gern etwas erzählt hätten, was nicht mehr geht, was sie versäumten, im Alltag, im Stress, in den Querelen. Aber so ein Wort war da in der Richtung, es mag von daher wohl angehen.

Was würde ich einem Freund oder Bekannten im Alter über meine Frau, über mein Leben erzählen, was ich versäumt habe? Was würde ich bereuen, weil es unumgänglich vorbei ist, ich den Moment nicht richtig lebte? Was würde meine Frau einer Freundin erzählen? Über mich, über sich, unser Leben, im Alter, gebrechlich und unwiederbringlich ausgelebt?

Was kann ich heute ändern, damit ich nicht bereue, etwas versäumt zu haben?

Diese Überlegung lässt sich ausdehnen auf Kinder, Verwandte, Freunde…

P.S. Schade, die beiden Damen hätte ich schnell noch von hinten fotografieren und hier einstellen können, aber als ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, war der Moment vorbei und die beiden verschwunden. Wie so vieles im Leben.

Freiraum einnehmen

Meinen Freiraum einnehmen, annehmen, mein großes Thema. Mein großes Thema der letzten Jahre.

Mein Lernziel war und ist, Freiraum zu erlangen. Beschränkungen und Selbstbeschränkungen aufzuheben. Die Unfreiheit kam nie von außen, sondern immer von innen. Meine Beschränkungen erlegte ich mir selbst auf. Was so selbstverständlich klingt, wurde mir erst sehr spät bewusst.

Zeit meines Lebens klammerte ich mich an andere Menschen, bin nie ohne Rücksicht auf Verluste vorgegangen. Wahrscheinlich liegt darin der Grund, warum ich mich so schwer damit tue, Veränderungen zu bewirken. Weil ich nicht nur für mich schaue, sondern auch auf andere.

Irgendwie ist es fast schon zur fixen Idee geworden, diese Begrenzungen aufzusprengen.

Kommt es vor, dass ich mich vereinnahmt fühle, ziehe ich mich zurück, mache mich auf, nicht in eine weitere Verpflichtung zu gelangen.

In bestimmten Bereichen klappt das nach wie vor nicht. Kompromisse gehören zum Leben, nur darf es gelegentlich konsequenter sein, denke ich für mich. Sicherlich erliege ich einem Irrtum, das gesamte Leben mal eben so über den Haufen zu werfen, und alle scheinbaren Betonringe zu knacken.

Nur wirklich frei fühle ich mich nicht. Die Beschränkung liegt in mir, gewisse Rahmenbedingungen zu verlieren, Halt zu verlieren, in ein Loch zu stürzen. Diesen Zustand finde ich bei meiner Frau. Eine Situation, die schlecht zu verkaufen, einerseits eine Geliebte, andererseits Angst, die Frau zu verlieren. Sie bedeutet mir sehr viel. Ich bin unheimlich gern mit ihr zusammen. Allerdings stoße ich mit ihr an Grenzen, die unüberwindlich scheinen.

Dachte ich bislang, das sei so oder es läge an mir, weiss ich, dem ist nicht so. Sie ist wie sie ist. Wo bleibt meine Verantwortung, dann zu sagen, ich gehe, als dem Irrtum anzuhängen, es würde sich schon zu bestimmter Zeit alles rütteln und ein Happy End geben.

Wir sind uns einig, uns nicht trennen zu wollen. Jüngst ist es mir möglich, sehr klar zu äußern, mir würden Dinge fehlen, das Fehlen macht mich unglücklich, also hole ich es mir woanders, vielleicht durch eine offene Beziehung.

Nur da fangen für mich die Selbstbeschränkungen wieder an. Ihr muss ich es gleichermaßen zubilligen. Das ist der Grad der Unabhängigkeit, der mir fehlt, da der Schritt immer mit einer eifersüchtigen Sorge verbunden ist. Wie überwinde ich dies, um weniger anfällig für die Selbstbeschränkung zu sein, dabei auf der anderen Seite nicht zu selbstsüchtig zu werden?

Bahnhofsbuchhandlungen

Bahnhofsbuchhandlungen sind ein Ort des Träumens.

Was kann man sich dort nicht alles anschauen. Zeitschriften über Zeitschriften. Bilder, bunt und verheißungsvoll. Reisen, Einrichtungen, Autos, Computer. Ich weiß nicht, was noch alles entfernen den interessieren den gelangweilten Zugwartenden in eine wahre Traumwelt.

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Beobachte ich die Menschen vor den bunten Auslagen, erscheinen sie mir völlig entrückt. Ob ein Zeitschriftenbetrachter in diesem glückseligen Zustand schon einmal seinen Zug verpasste?

Auf jeden Fall achten die Angestellten der Buchhandlung scheinbar penibel auf den Kundenschutz. Keiner soll gestört und in diesem Zustand fotografiert werden.

So erging es mir, als ich das Foto aufnahm. Da schoss die Kassiererin auf mich zu und fragte: „Machen Sie Fotos? Fotografieren ist hier verboten.“
Leider erfuhr ich nicht den wahren Grund ihrer Frage.

Der Schmerz setzt ein

So, als verletzte ich mich körperlich, setzt der akute Schmerz langsam, aber nachhaltig ein. Mit abnehmendem Schock setzt der Schmerz ein. Der Schock ist der ablösende Moment, der Schwung, sich zu lösen, über eine konstruierte Wut gesteuert. Der Adrenalinspiegel sinkt, die Impulse gelangen wieder zum Gehirn. Mein Fluchtreflex brachte mich ausser Reichweite. Aber jetzt: Warum habe ich das getan? Gelingt mir eine Partnerschaft nur dann, wenn mir die Partnerin nicht zu nahe kommt? Fragen stellen sich ein. Ein Mangelgefühl setzt ein. Wo sind all die guten Vorsätze und Errungenschaften und Träume geblieben? All das, worum ich so lange mit ihr kämpfte? Warum gebe ich es preis?

Alles begann recht verhalten, zufällig, ungewollt und ungesteuert. So oft schob ich es weg, bis dann plötzlich etwas entstand. Ein Traum, eine Vorstellung, ein Modell. Vieles passte, emotional, wir konnten reden, sexuell, wir hatten viele Reizpunkte, die wir auslebten, in Streits und Diskussionen. Aufgegeben, für etwas anderes, das ich so lange in Frage stellte.

Mir bleibt nur zu schauen, was kommt und darauf zu vertrauen, das Richtige zu tun. Aber ich vertraue nicht wirklich darauf, weil ich auch oft das Unrichtige tue, auch aus unlauteren Motiven, wie Angst und Bequemlichkeit.

 

Entscheidung

Eigentlich schon in der letzten Woche entschloss ich mich, zu gehen. Die Affäre zu beenden, die so schön, aber auch so anstrengend, zerreissend war. Affäre ist das total falsche Wort, nein, ich sage, die Beziehung zu B. Ich kann ihr keine Versprechungen machen, mir tut es nicht gut, die gegenseitigen Verletzungen nahmen zu.

P-51 Mustang in flight during an air show at L...

Image via Wikipedia

„Es“ gelegentlich zu leben, funktioniert nicht. Doch, es hätte funktioniert, hätte ich mir das Recht dafür zugestanden. Ich allein war der, der es nicht erlaubte. Ich verlor den Boden unter den Füßen, oder besser, ich hatte Angst davor, ihn zu verlieren.

Angst vor der eigenen Courage, Angst vor der Freiheit, Angst, mir die Freiheit zu nehmen, dabei die eigenen Begrenzungen nicht akzeptieren wollen. Dabei passt diese Beschreibung nicht. Ich will in kein Flugzeug steigen, das mich in bodenlose Höhen hebt. Es ging schlicht und einfach darum, mit B. eine gute Zeit zu haben.