Ausgelebt

Eben ging ich durch die Stadt und begegnete zwei älteren Damen, die sehr in ein Gespräch vertieft Hand in Hand durch die Stadt spazierten.

Hand in Hand fiel mir auf, weil ich es ungewöhnlich fand, und ein paar Wortfetzen fing ich auf. Thema waren ihre Ehemännern und irgendetwas von „nicht gesagt“.

Meine Fantasie ratterte los und ich stellte mir vor, die beiden laufen gedankenverloren durch die Stadt und erzählen sich rückwärtsgewandt aus ihrem langen Leben. Über 80 Jahre alt waren sie allemal. Dabei kamen sie auf ihre längst verstorbenen Ehemänner zu sprechen, über die schönen, bitteren und schmerzhaften Zeiten. Was ich nicht erfuhr, war, ob sie ihren Männern gern etwas erzählt hätten, was nicht mehr geht, was sie versäumten, im Alltag, im Stress, in den Querelen. Aber so ein Wort war da in der Richtung, es mag von daher wohl angehen.

Was würde ich einem Freund oder Bekannten im Alter über meine Frau, über mein Leben erzählen, was ich versäumt habe? Was würde ich bereuen, weil es unumgänglich vorbei ist, ich den Moment nicht richtig lebte? Was würde meine Frau einer Freundin erzählen? Über mich, über sich, unser Leben, im Alter, gebrechlich und unwiederbringlich ausgelebt?

Was kann ich heute ändern, damit ich nicht bereue, etwas versäumt zu haben?

Diese Überlegung lässt sich ausdehnen auf Kinder, Verwandte, Freunde…

P.S. Schade, die beiden Damen hätte ich schnell noch von hinten fotografieren und hier einstellen können, aber als ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, war der Moment vorbei und die beiden verschwunden. Wie so vieles im Leben.

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9 Antworten zu “Ausgelebt

  1. Interessante Gedanken hast du da, lieber Notos.
    Tja, was kann man heute ändern, damit man nichts bereut?
    Gute Frage.
    Man kann ja immer nur so entscheiden, wie man jetzt denkt, dass es richtig ist, ob es sich im Nachhinein als solches erweist, bleibt abzuwarten.
    Manches stellt sich hinterher ganz anders dar, als man es beabsichtigt hat.

    Meine Yoga-Lehrerin hatte so einen schönen Spruch:
    Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens!

    Das sollte man sich vergegenwärtigen udn wenn es irgendetwas gibt, was man noch zu richten, zu tunhat, oder gar jemanden um Verzeiheung bitten möchte, dann sollte man das schnellstens erledigen.

    Schönen Abend
    SK

    • Freut mich, liebe Sweetkoffie. Einen Teil habe ich angefangen, zu tun. Den Rest suche ich noch. Nie darf ich aufhören, dies zu bedenken. Frau B. hätte es ohne diese jahrealten Gedanken nie gegeben. Und Frau Notos weiss von meinen Gedanken. Schon seit Jahren. Ich weiss nicht, ob sie sie ernst nahm, ich tat es erst sehr spät.
      Mir geht es sehr viel besser. Sehr viel. Weil ich da auf mich hörte. Endlich mal. Manchmal höre ich nicht auf mich, weil ich mir da nicht recht vertraue. Kommt daher Selbstvertrauen?
      Schöne Nacht
      Notos

  2. Ja, daher kommt Selbstvertrauen, lieber Notos.
    Darauf muß auch ich mich immer wieder besinnen, meiner eigenen Wahrnehmung (ver)trauen, mein Bauchgefühl wertschätzen, mir selber vertrauen.
    Wem soll ich denn vertrauen, wenn nicht mir selbst?
    In meiner Vergangenheit sind die Entscheidungen, die aus dem Baugefühl heraus getroffen haben, die guten gewesen. Die ich mit dem Verstand getroffen habe, schienen nur auf den ersten Blick gut, im Nachninnein waren sie nachteilig. Instinkt ist auch so ein Stichwort in dem Zusammenhang. Der ist uns angeboren und leider im Laufe der Jahre aberzogen worden.

    Notos, hab Vertrauen zu dir, glaub an das, was du fühlst.

    André Heller hat in einem Lied gesungen:

    „An was soll i denn glauben,
    außer an das, was i gspür, “

    Ja, das trifft es, finde ich … in jeder Hinsicht.

    Schönen Mittwoch

  3. Das Bereuen versäumter Gelegenheiten kenne ich nur zu gut. Ergänzend zum Spruch vom „ersten Tag vom Rest des Lebens“ kann ich ein Zitat Sir Peter Ustinovs beifügen: „Heute sind die glorreichen Zeiten, nach denen du dich in 10 Jahren zurücksehnst.“
    Dumm ist, dass ich den Spruch seit fast genau 10 Jahren kenne und nichts, aber auch gar nicht dazugelernt zu haben scheine.
    Gruß JurekP

  4. es gibt da einen Film der da heißt „Das Beste zum Schluss“, mit Jack Nicholson und Morgan Freeman.
    Die beiden treffen sich im Krankenhaus auf dem Sterbebett. Sie sind grundverschieden und werden doch die besten Freunde – für die paar Restwochen ihres Lebens.
    Beide schreiben sich eine Liste mit Dingen, die sie gerne erlebt hätten in ihrem Leben und „arbeiten“ sie dann nacheinander ab. Zum Glück hat der eine der beiden Geld wie Heu, das vereinfacht die Sache ungemein.

    Genau so eine Liste habe ich mir auch geschrieben. Ein Herzenswunsch nach dem anderen werde ich „abfeiern“, alles zu seiner Zeit, schön dosiert. Zeit habe ich ja noch genug, denke und hoffe ich.

    Und so hab ich dann auch später meinen Kindern viel zu erzählen.

  5. Schöner Vergleich, Suse. Stimmt, das Bild passt ganz gut. Auch ich feierte ab, nur nun konfrontiert mich mein Muster, das mir sagt, heute ist Zahltag. Das ist gemein und hinterhältig, nicht vom Schicksal, sondern von mir selbst, weil ich meine Freiheiten einfach so drangebe.

  6. musst du denn deine Freiheiten einfach so drangeben?

    Gut, als die Kinder in mein Leben traten, war es bei mir ja auch nicht anders. Da haben dann eben andere Dinge Priorität und es fehlt an Geld und Zeit.
    Bei mir gehts auch jetzt gerade erst wieder los, richtig rund zu laufen. Die Kinder sind mittlerweile junge Erwachsene geworden und einen ersten Wunsch habe ich mir schon erfüllen können.

    Es ist nie zu spät, etwas zu tun, Notos. Die Erfahrung habe ich gemacht. Mein Opa hat sich mit 81 Jahren noch in eine Achterbahn gesetzt, weil er das ein einziges Mal erleben wollte, wie es ist da oben. Ganz alleine saß er da oben drin, meine Mutter und ich trauten uns nicht. Jedesmal wenn es nach unten ging schrie er vor Freude laut, es war schon fast peinlich. Aber er hat sein Vergnügen gehabt und wir haben uns mit ihm gefreut, wie sehr er es genossen hat.

    Verpasstte Chancen? Ich glaube die gibt es nicht. Kinder zur rechten Zeit in die Welt zu setzen vielleicht.
    Lebe und genieße jeden Augenblick. In unserem Land dürfte das kein Problem sein, lächel 🙂

    Ich habe deinen Blog abonniert, ich hoffe es ist dir recht.
    Gruß, Suse

    • Liebe Suse,
      schön, ich freue mich, wenn du hier liest. 🙂
      Muss ich meine Freiheiten einfach so drangeben? Dazu werde ich einen Beitrag schreiben. Die Frage ist berechtigt, ich versuche mich an einer Antwort.
      Lieben Gruß
      Notos

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