Wider das Vergessen

Zuerst schwor ich mir, nicht mehr zu schreiben, nicht hier drüber, auf keinen Fall. Zu schmerzhaft und peinlich und gemein kam mir alles vor. Irgendwie mal wieder suchten mich die Angstgeister des Alleingelassens und des Verrats heim. Obwohl ich doch der Auslöser war. Klar. Trotzdem, alte, tiefe, offenbar unbegründbare traumatische Verletzungen wirkten. Was war geschehen?

Anfang März gab es ein Wochenende, an dem Frau Notos verreist war und ich mich überhaupt nicht wohlfühlte. Insbesondere am Samstag drehte sich mir fast der Magen um, ich konnte nicht klar denken, meine Beine und meine Bauchraum brannten. Vor fast zwei Monaten wusste ich nicht, was es war, ich brachte es vage mit dem Wochenende meiner Frau in Zusammenhang.

Kurze Zeit darauf eröffnete mir Frau Notos, sie habe mit einem anderen Mann geschlafen. Was ich könne, will sie auch. Wie du mir, so ich dir. Ich schrieb darüber. Und, sie wolle ihn wiedersehen. Ersteres traf mich, zweiteres noch unvorbereiteter tief ins Herz. Wer läßt seine Frau schon sehenden Auges zum Vögeln zu einem anderen. Kurz darauf dementierte sie. Mein Abspalten unangenehmer Ereignisse funktionierte perfekt, ich glaubte ihr, ich vergaß es, verdrängte es, muss ich besser sagen.

Die Zeit danach verging, fast hatte ich dieses fiese Wochenende vergessen, als ich damit unvorhergesehener Weise in der letzten Woche erneut konfrontiert wurde, als ich beim Aufräumen und Durchforsten der Handyverträge zwecks Überprüfung nötiger oder möglicher Kündigungsfristen just an besagtem Wochenende Auslandstelefonate meiner Frau fand. Mehr muss ich nicht sagen.

Ein oder mehrere Abgründe taten sich auf. Sofort rannte ich aus dem Büro, an die Luft, lief blind durch die Stadt, irrte zurück ins Büro, holte meine Sachen und fuhr nach Hause. Die Kollegen, die mich sahen, schauten mich irritiert an. „Was ist denn bloß mit dir los?“ Ich konnte im Fahrstuhl die Tränen nicht mehr unterdrücken.

Jahre war es her, diesen Schmerz zu spüren. Unbeschreiblich heftig. An Arbeit war nicht mehr zu denken, nur noch an Flucht. Wie ein Höhlenmensch, der mit seiner Keule schwingend durch die Prärie rennt. Voller Adrenalin und Tränen. Der Betrüger wurde betrogen. So weit so gut, könnte der geneigte Außenstehende denken. Wollte ich denken. Nur diese naturgewaltigen Kräfte ließen sich nicht einfach wieder in die Kiste packen. Sie wirken erstmal.

Was ich dann zu Hause tat? Genau am letzten Mittwoch war es. Keine Ahnung. Wie betäubt lief ich durch die Gegend. Abends fand der Gruppenabend statt, den wollte ich absagen. Nichts da, bekam ich zur Antwort. „Wann wollen sie reden, wenn nicht heute, darüber.“ Ich ging hin und fühlte mich noch beschissener.

Der Betrug meiner Frau, die Scham, die Schuld, die Angst, die Wut und dann noch brühwarm darüber reden. Welche Worte soll ich dafür finden? Es war unendlich schwer, mich durchzuringen. Ich fuhr hin, meiner Frau lief ich zum Glück nicht über den Weg, obwohl ich sie damit schon am Telefon damit konfrontierte. Wieder stritt sie es ab, mehrfach, bis ich Scheibe für Scheibe mein Herz herausgeschnitten bekam. Fast ohnmächtig fühlte ich mich. Traumatisiert.

Leider war das noch nicht alles.

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4 Antworten zu “Wider das Vergessen

  1. Wovor genau hast du Angst?

    • Sie zu verlieren, ein anderer könnte meinen Platz einnehmen, ein anderer bekommt, was ich nicht bekommen habe. Wir sind beide emotional auf sehr merkwürdige Weise verbunden. Die Verbindung ist stark, aber nicht richtig eng, Luft ist dazwischen, damit auch Misstrauen, ungelebtes kommt hoch, bahnt sich den Weg.
      Ich versuche, die Ereignisse langsam aufzuschreiben. Ich betrüge, fühle mich traumatisiert, ohnmächtig vor Angst, wenn sich Frau Notos das gleiche rausnimmt. Obwohl ich an offene Beziehung dachte. Für mich geht das nicht, das weiss ich, es geht zumindest solange nicht, wie die Beziehung irgendwie symbiothisch ist.

  2. Du hast aber, als deine Aussenbeziehung Frau Notos bekannt war, mit offenen Karten gespielt. Gleiches kannst du von Frau Notos auch verlangen. Dies setzt aber Kommunikation voraus. Was bedeutet ihr dieser andere Mann? Welche Konsequenzen hat ihre Aussenbeziehung für sie? Was findet sie beim anderen Mann, was sie bei dir nicht findet? Und warum sucht sie es in einer Aussenbeziehung?

    Du musst wissen, woran du bist. Finde es heraus! Ich vermute, es ist die Ungewissheit, die dir vor allem Angst macht.

    • Sie sagt, es sei keine Liebe. Auch würde sie nicht dorthin fahren, um mit ihm zu schlafen, sondern um ein paar Tage Urlaub zu machen. Natürlich könnte sie mich damit beschwichtigen wollen. Ich habe sie schon so oft gefragt, sie sagt, er bedeute ihr nichts, es sei ein Freund und das eine Mal ohne Bedeutung. Ich will es so gern glauben, habe aber dennoch panische Angst.

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