Der Irrtum der offenen Beziehung

Noch vor drei Monaten war die Vorstellung verlockend: eine offene Beziehung könnte alle Probleme lösen. Frau Notos macht ihr Ding, ich mache mein Ding, gemeinsam machen wir unser Ding, keine Trennung, kein Schmerz, nur, weil ein anderer Mensch jeweils für uns auch gewisse Reize hat. Weil kein Mensch jemals alles hat, um sich ganz zu fühlen.

Trennen ist altmodisch, wir machen einen auf modern. Nein, warum sollten wir uns trennen, wir überzeugt, das bringt nichts, weil nach einer gewissen Zeit wieder Grenzen erreicht werden, warum deshalb alles einreissen, damit scheitern. Die Krise als Chance sehen, Grenzen aufweichen, neue Eindrücke sammeln, mit einbringen, etwas Neues schaffen, das dem Alten eine neue Qualität gibt.

Frau Notos schien dem Ganzen gegenüber nicht abgeneigt, wir kokettierten viel damit. Mein Konzept übernahm sie, ich knickte ein, weil ich dafür zu schwach bin.

Wie schön und einfach hätte alles sein können, sie fährt die Tage weg, ich treffe mich mit Frau B., alle haben etwas davon und vorallem eine gute Zeit.

So ganz so einfach wurde es nicht. So ganz so offen ist auch meine Frau nicht. Sie machte sich schon Gedanken ob Frau B. Ich traf sie nicht, dass sei mal am Rande verraten. Ganz allein schon aus dem Grunde, weil ich vor mir gänzlich das Gesicht verlieren wollte und als Weichei dastehen. Die Frau verreist und der dreiste Herr vergnügt sich zum Trost mit „der anderen.“ Nein, keinesfalls. Und das war auch gut so.

Aber wie gesagt, offene Beziehung geht bei mir nicht. Die intimen Fantasien gehen über meine Belastungsgrenze, verletzen mich. Sowohl die sexuellen Gedanken, als auch das, was Kommunikation ist. Meine Frau und ich, wir sind einander verbunden, aber da ist soviel Luft und damit soviel Raum für schmerzende Fantasien, der Raum könnte durch einen anderen Menschen gefüllt werden und nicht durch einen selbst. Der Gedanke entwertet total. Das macht den Schmerz aus.

Da sind bei mir scheinbar noch zu viele Traumata, die berührt werden. So frei bin ich nicht. Überhaupt, Freiheit, ertrage ich so viel Freiheit?

Eine offene Beziehung widerspricht der menschlichen Natur, weil jeder Mensch nach Sicherheit und Liebe und Anerkennung strebt. Eine offene Beziehung ist das Gegenteil. Eine offene Beziehung ist das größte Maß an Unsicherheit, dass ich mir vorstellen kann, weil meine Exklusivitätswünsche in Frage gestellt werden, automatisch die Sorge vor Vergleichen angestellt werden. Offene Beziehung funktionieren nur bei Menschen, die so stabil und voller Selbstvertrauen sind, die sich von außen nie in ihrem Selbstverständnis verletzen lassen würde, dass ich denke, sind diese Menschen überhaupt beziehungsfähig.

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6 Antworten zu “Der Irrtum der offenen Beziehung

  1. Ich maße mir mal an, einen etwas größeren Eindruck zu erhalten.
    Zwischen dir und deiner Frau ist nicht das letzte Wort gesprochen, das stimmt. Aber wie du in deinem anderen Artikel geschrieben hast, ist eure Beziehung eine Selbstverständlichkeit geworden, was, meiner Meinung nach, niemals der Fall sein sollte. Ich habe mit meiner Ex auch etwas ähnliches durchgemacht. Ich bin durch die Hölle gegangen. Die Vorstellung sie in den Armen eines anderen zu wissen, war für mich die Qual.
    Doch was hält dich bei dieser Frau! Ob sie noch deine Frau ist, solltest du dir vielleicht mal überlegen. Ist es nicht vielleicht die Gewohnheit, die du fürchtest zu verlieren? Vielleicht ist es einfach diese Frau, die du misst, sondern all der Alltag den diese Beziehung mit sich bringt. Ich will nicht sagen, dass du dich von ihr trennen solltest. Wenn es irgendwie möglich ist, solltet ihr zusammenbleiben, aber die Frage ist, ob das nun noch möglich ist.
    Angenommen ihr solltet auch diese Sache mit der offenen Beziehung lassen, da würden einige Dinge zwischen euch stehen und ob die so einfach zu überwinden sind, weiß ich nicht. Hast du ihr wirklich mal gesagt, was du über all das denkst? Weiß sie von diesem Blog? Vielleicht wäre es gar nicht so schelcht, wenn sie davon wüsste, wenn du nicht in der Lage bist, ihr alles zu erzählen,
    Am Ende möchte ich dir noch ein Zitat, nach dem ich Lebe ans Herz legen: „Was du liebst, lass frei – kommt es zu dir zurück, gehört es dir – für immer.“

    • gute Gedanken. Vielleicht will ich nur nicht wahrhaben, dass es vorbei ist? Ich weiss es nicht.
      Sie weiss von diesem Blog, behauptet, nicht darin zu lesen, jedenfalls nicht regelmäßig. Gelesen hat sie die Artikel über Frau B. Natürlich tat ihr das weh, prägte möglicherweise auch ihr Verhalten. Sie offenbart sich nicht so, wie ich. Von daher fällt es mir schwer, sie zu verstehen. Litt sie wirklich an meiner Affäre oder war es ihr ein willkommener Anlass für einen Schritt, den sie ohne dies nie getan hätte? Wie nennt man das? Hinterhältig, perfide? Trotz ihrer Beteuerung komme ich nicht zur Ruhe. Ist das meine Paranoia, meine Schuld an der Affäre oder eine begründete Intuition? Mich infrage zu stellen ist leichter, als sie.

  2. Ich gehe mal davon aus, dass deine Gattin nicht per se böse ist, sondern eher ein guter Mensche, sonst hättest du sie sicherlich nicht zur Frau genommen. Daher glaube ich nicht, dass sie das als Anlass genommen hat. Sie war/ist vielmehr wütend, gekränkt, dass du andere Frauen anziehender findest/ gefunden hast, wie sie. Frauen wollen begehrt werden und du hast ihr sehr eindrücklich gezeigt, dass du sie nicht begehrst.
    Ich könnte diese Schiene nun noch Kilometer lang auslegen, aber es bringt nichts. Die Vergangenheit ist gelaufen und daher bringt es nichts sich darin zu suhlen. Daraus lernen sollte man.
    Viel wichtiger ist, was erwartest du dir von der Zukunft, von deiner Zukunft? Wie stellst du dir diese vor? Denn die Zukunft ist das einzige, was du noch beeinflussen kannst. Warst du mit deiner Frau überhaupt mal wieder intim oder ist das bei euch schon länger nicht mehr gegeben? Findest du sie überhaupt anziehend? Wie empfindest du ihre Gesellschaft? Magst du ihren Humor? Könnt ihr zusammen lachen und auch weinen?
    Denn wenn all das nicht mehr da ist, dann würde ich sagen, dass du nicht deine Frau vermisst, sondern die Gewohnheit, die in eure Ehe eingekehrt ist und dass das eine absoluter Beziehungskiller ist, kann man sich vorstellen. Daher muss man auch manchmal etwas Ausgefallenes machen. Auch mal etwas womit sie nicht rechnet, damit sie weiß, dass man sich noch um sie kümmert.

    • All die Dinge machen wir, ich begehre sie, sehr sogar, noch immer, auch nach so vielen Jahren. Was mich zu Frau B. brachte, war, dass wir nicht miteinander weinen konnten. Oder besser, sie sich nicht öffnen konnte. Ehrlich gesagt, ich freue mich, sie wiederzusehen, auch wenn ich vor dem Moment Angst habe.

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