Liebesnähe

„Was ihm aber umso mehr gefehlt hatte, war intensive Zuwendung, ja, er musste zugeben, dass er sich nach einer solchen Zuwendung immer mehr gesehnt hatte. Er ahnte, wodurch diese Sehnsucht sich in letzter Zeit noch zusätzlich verstärkt hatte, aber er wollte darüber jetzt, während seines Spaziergangs, nicht nachdenken. Eine Zuwendung von der Art,wie er sie sich vorstellte, erhielt man nur von einem einzigen Menschen, und sie gründete in einer schon immer vorhandenen Zusammengehörigkeit. Eine solche Zusammengehörigkeit war nicht künstlich herstellbar oder mutwillig zu erzeugen, sie war vielmehr einfach da, sie war vorhanden, und sie war so mächtig, dass keiner der beiden Beteiligten überhaupt auf den Gedanken kam, sie in Frage zu stellen.

Seltsam, aber man konnte ihm diesen Gedanken einfach nicht austreiben: dass es auf dieser Welt einen Menschen geben musste, der ganz und gar zu ihm gehörte. Im Grunde steckte hinter diesem Gedanken ein naiver Glaube, der zu den starken Hoffnungen gehörte, die ihn am Leben erhielten. Es gab mehrere solcher Glaubensinhalte, an denen sein Leben hing, sie bildeten den festen Untergrund seiner Existenz, ohne sie hätte sich sein Leben bis in die kleinsten Momente anders gestaltet. Dann und wann gerieten diese Glaubensinhalte in Vergessenheit, und er dachte nicht mehr an sie, sie lebten aber ununterbrochen in ihm weiter, das wusste er genau.

An diesem Vormittag war seine Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit zum Beispiel wieder erwacht. Er wusste noch nicht, wie es dazu gekommen war, denn das ergab sich nicht aus heiterem Himmel. Ein Sich-Verlieben mochte sich aus heiterem Himmel ergeben, das schon, ein Sich- Verlieben war aber auch etwas anderes als das Empfinden einer unverbrüchlichen Zusammengehörigkeit. Er mochte die Formel „ich habe mich verliebt“ deshalb nicht. Verlieben konnte man sich schließlich an jeder Ecke und in jedes hübsche Gesicht, sich verlieben war etwas wie Sport und daher eine kurzfristige Sache, die man höchstens mit vielen Kommentaren am Leben erhielt.

Wie sollte man es dann aber nennen? „Liebe“?! Reichte dieses Wort? „Ich liebe Dich“ – das hätte er niemals gesagt, denn die Zusammengehörigkeit, an die er dachte, hatte solche Deklamationen doch gar nicht nötig. Das Wort „Liebe“ klang in seinen Ohren auch zu sehr nach Seife und Anstand und Wohlerzogenheit, ja, „Liebe“ hatte etwas Statuenhaftes, Erstarrtes und künstlich Triumphales, das man höchstens durch Überbietung aus der Welt schaffen konnte. „Die große Liebe“ dagegen, ja, das war richtiger, er glaubte an „die große Liebe“, und die große Liebe war Fest, Tanz und Oper und eben keineswegs Film, Konzert und Theater. Film, Konzert und Theater waren die auf Anstand und Normen getrimmten Medien der „Liebe“, Fest, Tanz und Oper aber waren die verrückten Rituale „der großen Liebe“.

Er ist jetzt schon eine Zeit lang unterwegs, und er geht relativ schnell, dieses rasche Gehen passt zu seinem Nachdenken, das während solcher Spaziergänge oft gut in Fahrt kommt. Ja, auch jetzt spürt er, wie das Gehen seine Gedanken in Bewegung hält und wie die Gedanken sich beinahe spielerisch fortsetzen, er hat sogar bereits den Eindruck, als ginge er seinen davoneilenden Gedanken nur noch hinterher. Das alles macht starkes Vergnügen, ja, er empfindet dieses Vergnügen sehr deutlich, es ist wie ein anhaltendes Kribbeln, das ihn aber nicht nervös, sondern eher hellwach und gespannt macht.“

Auszug aus: Liebesnähe, von Hanns-Josef Ortheil

Worte, die mich sehr beeindruckt haben. Sie sind mir sehr nah. Gerade auch die Umschreibung von „Liebe“ finde ich sehr treffend.

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6 Antworten zu “Liebesnähe

  1. Ortheil ist ein grosser Beschreibet der Liebe, was seine KritikerInnen immer wieder mal dazu veranlasst, ihn in die Nähe des Kitschs zu rücken. Völlig zu Unrecht, wie ich finde. Aber es ist schon verdächtig, wenn ein Autor nicht über den Liebesschmerz, sondern mehr über das Liebesglück zu schreiben weiss.

    „Liebesnähe“ steht bei mir auf der Sommer-Lektüreliste. Wieder einmal ein Gruss von mir.

    Herzlichst

    Castorp

  2. „mir bleibt dieses beklommene gefühl im bauch, die alte sicht, mich nur genug anstrengen zu müssen, dann werde schon alles gut. dabei warte ich doch nur auf ein klitzekleines zeichen“…worte aus deinem letzten post die gerade mein leben bestimmen…..haben mich sehr tief berührt………lg an dich…..

    • Wir sind alle irgendwie auf die oder andere Weise verletzt. Die einen spüren es nicht oder wollen es nicht sehen, die anderen haben das Glück, sich darin zu sehen.
      Lieben Gruß auch an dich.

  3. manchesmal tut es aber unheimlich weh sich darin zu sehen…
    lg
    gitti

    • Ja. Aber wahrscheinlich muss das so sein. Ohne Sinn ist nichts und daher ist das Leid der Sinn, um zu lernen. Hoffnungsvoll ausgedrückt.

  4. Pingback: Annäherung, Nähe, Liebesnähe… | morgenrot | lyrik und gedanken

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