Meine Schwiegermutter

Meine Schwiegermutter ist über 70 Jahre, gehbehindert und nicht mehr alleine fähig, ihr Leben zu führen. Sie ist auf die Hilfe ihres Sohnes angewiesen, der mit ihr gemeinsam in ihrem Haus wohnt. Der Lebensgefährte meiner Schwiegermutter ist vor einem halben Jahr gestorben, auch aus Kummer und Überforderung, die diese Situation mit sich bringt. Seitdem hat die Familie und insbesondere mein Schwager ein Problem, weil die Stütze seiner Mutter nicht mehr da ist.

Meine Schwiegermutter selbst ist mit ihrer Situation sehr unglücklich, unleidlich und wurde im Laufe der Jahre immer unausstehlicher, mit ihr auszukommen, ist nicht leicht. Ein Schlaganfall setzte ihr sehr zu, das Laufen fällt ihr seit dem schwer. Eine Reha verwarf sie, schlug sie aus, sie wollte nicht. Ich stritt mich darüber sehr mit ihr, weil ich ahnte, was passieren würde. Die Gehfähigkeit nicht wieder zu erlangen, bedeutet Pflegebedürftigkeit. Ihr war das egal, sie meinte, sie schafft das allein, wieder auf die Beine zu kommen. Hat sie aber nicht.

Nun sitzt sie im Rollstuhl und die Familie hat ein Problem. Mein Schwager leidet zunehmend unter der Situation und ist überfordert, schafft es nicht, die Pflege zu übernehmen, auch wegen ihrer Unleidlichkeit. Und nun? Heim? Ich verdränge das, mich drückt das trotzdem, macht mir Schuldgefühle. Diese ehedem so lebenslustige und starke Frau vergeht in ihrem Rollstuhl. Wo fängt die menschliche Pflicht an, zu helfen, wo hört sie in Anbetracht des eigenen Lebens auf? Wie hängt diese Erstarrrung, dieses Ausblenden mit meinen anderen Bereichen zusammen? Ich habe einen Bekannten, der ist so klar und entscheidungsfreudig, der holte für seine Eltern eine Pflegekraft in deren Haus, verweigerte aber selbst jede praktische Übernahme der Pflegetätigkeit. Immerhin hat er etwas getan.

Ich selbst komme bei meiner Schwiegermutter nicht weiter. Sie oder mein Schwager verweigern diese Hilfeangebote. Es geht nicht voran, das wurmt mich, es ist nichts geregelt, sie lassen sich auf nichts richtig ein und so wurschteln sie vor sich hin und ich habe ein schlechtes Gewissen wegen des menschlichen Elends.

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12 Antworten zu “Meine Schwiegermutter

  1. Meinungsmacher

    Wie klein doch die Welt ist! … Bei meiner Mutter ist es sehr ähnlich und auch ich bin so langsam mit dieser Situation überfordert. Ich kann die Gesamtsituation sehr gut nachvollziehen, wie schwierig es ist, als Aussenstehender in etwas eingreifen zu wollen, obwohl kein einmischen geduldet wird. Traurig! …

    Nebenbei bemerkt: Aus irgendeinem Grund kann ich plötzlich kein Like mehr abgeben. Ärgerlich! o_Ô

  2. Lieber Notos

    Mein erster Gedanke: Wieso fühlst Du Dich für Deine Schwiegermutter verantwortlich?

    Sie hat einen Sohn, der sich um sie kümmert und eine Tochter (Deine Frau). Wäre es denn nicht primär die Aufgabe der erwachsenen Kinder, sich um die pflegebedürftige Mutter zu kümmern bzw. eine Lösung zu finden? Anscheinend fühlst Du Dich so sehr verantwortlich, dass Du sogar ein schlechtes Gewissen hast, weil Du denkst, nicht genug zu tun. Wieso glaubst Du, dass Du die Pflicht hast, Dich „einzumischen“ (ist jetzt extra überspitzt formuliert!)! Wieso überlässt Du die Entscheidung, was gut oder schlecht für die alte Dame ist, nicht einfach ihren Kindern? Und wo steht Deine Frau? Kann sie sich besser abgrenzen?

    Letztlich hatte die alte Dame ja anscheinend immer eine starken Willen und so lange sie nicht komplett dement ist, kann man nicht einfach über sie verfügen bzw. sie gegen ihren Willen in eine Pflegeinstitution überweisen. Und wenn sich ihr Sohn ihr gegenüber noch immer nicht abgrenzen oder durchsetzen kann, ist das nicht Dein Problem! Das ist vielleicht seine Herausforderung, die er noch bewältigen muss! Ein Mutter-Sohn-Beziehungsproblem!

    Wäre es denn nicht einfach „gesunder“ Egoismus, wenn Du Dich als Schwiegersohn da raushälst und das Problem Deinem Schwager und Deiner Frau überlässt? Du kannst nicht für alle Probleme die Verantwortung übernehmen! Manchmal muss man sich raushalten, auch wenn man sieht, dass es nicht optimal läuft. Es ist nicht DEINE Aufgabe…

    Liebe Grüsse,
    Rosalie

    • Meinungsmacher

      Rosalie: Denkst du nicht, dass du es dir mit diesem Argument etwas zu einfach machst? … Der Sohn seiner Schwiegermutter ist nicht in der Lage, sich gegen die (vermutlich) dominante Mutter zu stellen. Das kann ich sehr gut nachempfinden. Es ist leicht, zu sagen: „Das ist nicht mein Problem!“. Wenn man dieses Problem nicht selbst hat, kann man sich nicht in die betreffende Person(en) hinein versetzen.

      Notos ist mit der Gesamtsituation überlastet und seine Schwiegermutter ist früher zu selbstständig gewesen, als dass sie jetzt zugeben könnte, dass sie Hilfe drigend nötig hat. Das lässt ihr Stolz nicht zu!

      Wichtig wäre, auf Basis gegenseitigen Verständnisses für die jeweilige Situation mit allen Beteiligten ein offenes Gespräch zu suchen. Hierbei ist Komunikation alles und kann helfen, den jeweils anderen zu verstehen und vor allem eine Lösung zu finden, wenn sich jeder auf die Familie verlassen kann.

      • Meinungsmacher: ihr gegenüber grenze ich mich sehr gut ab, im Außen, aber im Innen spüre ich diese Schuld, diese Verpflichtung.

        • Meinungsmacher

          Das ist normal! Für Dich, einen mitfühlenden Familienmenschen, ist es ein vollkommen natürliches Verhalten. 😉
          Problematisch ist es, weil deine Schwiegermutter, so denke ich mal, immer noch an ihrer Selbstständigkeit festhält, obwohl sie mit steigendem Alter immer mehr einbüßen wird, was ihr sehr zu schaffen macht. Sie hat vermutlich Zeit ihres Lebens kämpfen müssen; die Ellenbogen und ihr starker Überlebenswille waren ihre besten und effektivsten Waffen in der Nachkriegzeit. Wer das miterleben musste, was sie mitangesehen hat, wird automatisch hart und unnachgiebig. Vielleicht auch teils herzlos und bissig.
          Willst du ihr helfen, musst du dich auf ihr Niveau begeben, um sie zu erreichen. Du musst ihre Geschichte kennen lernen, bevor du dich mit ihr auf eine Stufe stellen darfst, um ihr Ratschläge zu geben.
          Ins Altersheim abgeschoben, bzw. alt und pflegebedürftig zu werden, sage ich mal ganz grob, sind für sie, die ihr Leben lang für sich selbst gesorgt und gekämpft hat, unwürdige Lebensumstände! …

          Lerne, sie zu verstehen, bevor du ihr helfen „darfst“, sprich: sie dich ernst nehmen kann.

  3. Liebe Rosalie,
    diesen Artikel schrieb ich, weil ich das Gefühl habe, diese Begebenheit ist Teil meines Problems, in meine Spur zu finden. Bin ich verantwortlich für die Sorgen aller Mütter dieser Welt? Überspitzt formuliert. Aber in diese Richtung geht es, sobald ich mich angesprochen fühle, versuche ich eine Sorge zu übernehmen, auch wenn ich nie wirklich etwas zur Lösung beitragen kann. In dieser Sache konnte ich wenigstens die Pflegestufe erhöhen, nur den menschlich-fürsorglichen Teil werde und kann ich nicht übernehmen.
    Mangelnde Abgrenzung im inneren führt jedoch zu dem Gedanken, ich müsste doch eigentlich mehr tun und man kann sie und meinen Schwager sich nicht selbst überlassen. Mich regt die Situation sehr auf, weil beide in passiver Weise sehr aggressiv sind, sich als Opfer darstellen und hilflos agieren. Und ich fühle mich angesprochen.
    Frau Notos lässt es abperlen, scheinbar. Nur ich an mir haftet es, wie eine Klette in einer Fließjacke.
    „Gesunder Egoismus“. Mich regt diese Hilflosigkeit und dieses menschliche Elend auf. Wobei, mache ich daraus nicht ein Elend? In meinem Kopf? Ich kann nichts dafür, dass es so ist. Immerhin sorgte ich für sie für eine höhere Pflegestufe, die der Schwager nicht hin bekam. Und der Rest müsste doch deren Sache sein.
    Vor ein paar Tagen gab es eine Sendung im Fernsehen (ZDF, 37 Grad, Liebespflicht, hier der Link)zu Familien, die Verwandte pflegen. In dieser Sendung wurde über eine Familie berichtet, die die Mutter aufnahmen, nachdem Umbaumaßnahmen durchgeführt wurden. Die gehbehinderte Mutter kam im Krankenbett an, was schon mal sehr schlimm aussah und die blanke Entsetzen stand allen ins Gesicht geschrieben. Das Ende vom Lied war, die Mutter ging zurück in ihre Wohnung, weil dieses ehrbare Ansinnen der Mehrgenerationenpflegefamilie nicht funktionierte. Die Ehefrau drohte mit Auszug. Der Mann ließ ab und schickte seine Mutter zurück. Dieser Beitrag ließ mich entspannter sehen. Mir wird angst und bange, wenn ich meine Bedenken sehe und all meine Begrenzungen, Schuld- und Verpflichtungsgrenzen sehe. Wo bin ich frei?
    Jedenfalls danke für deine Einschätzung.
    notos

  4. Hallo Notos,

    hat Dein Schwager eigentlich auch eine Ehefrau/eigene Familie?

    Ich selbst kenne sehr ähnliche Umstände, wie Du sie beschreibst, aus eigener Erfahrung nur zu gut.

    Meine Erfahrung ist. Verlass Dich auf Dein Gefühl. Wenn Dein Schwager froh ist, dass er in Dir Unterstützung hat, hör im zu was er sich von Dir wünscht, oft hilft es schon, wenn man seinen Ärger einmal unzensiert aussprechen kann, ohne „kluge Ratschläge“ zu erhalten, sondern einem ehrliches Mitgefühl entgegenströmt – und wenn er alleine damit klarkommen möchte, stärke ihn auch bei dieser Entscheidung.

    Verstrickungungen die innerhalb der Familie bestehen kannst und brauchst Du nicht lösen, das ist klar, aber seit Deiner Heirat gehörst auch Du zu dieser Familie, ich finde es gut, dass Du das auch so fühlst.

    Alles Liebe

    G.

    • Mein Schwager hat keine eigene Familie. Die Situation in der Herkunftsfamilie meiner Frau ist sehr kompliziert. Die Bindung Mutter – Sohn hat seine Erklärung, ohne hier näher darauf eingehen zu wollen. Lösen wollte ich sie mal, oder zumindest erreichen, dass in der Familie darüber geredet wird. Vergeblich. Meine Schwiegermutter wird das mit ins Grab nehmen, worüber sie reden sollte.

  5. Entschuldige bitte. Ich wollte nicht neugierig erscheinen.

    Details sind selbstverständlich zutiefst privat und gehen niemanden etwas an, sowie es auch Jederfraus eigene Entscheidung ist, worüber sie reden möchte oder auch nicht.
    Einen geruhsamen Abend.
    G.

  6. Lieber Notos, du fragst: „Wo fängt die menschliche Pflicht an, zu helfen, wo hört sie in Anbetracht des eigenen Lebens auf? Wie hängt diese Erstarrrung, dieses Ausblenden mit meinen anderen Bereichen zusammen? Ich habe einen Bekannten, der ist so klar und entscheidungsfreudig, der holte für seine Eltern eine Pflegekraft in deren Haus, verweigerte aber selbst jede praktische Übernahme der Pflegetätigkeit. “ – Tja, genau da liegt wohl deine ganz persönliche Baustelle. Du drehst dich oft lieber im Kreis, starrst auf das Problem, tänzelst um es herum und fühlst dich schlecht dabei. Wie man dir da raushelfen kann, weiß ich auch nicht. Ich stand mal in einer ganz anderen Situation genau vor deiner Frage: Wie weit reicht meine Hilfsbereitschaft bzw. meine gefühlte Pflicht, helfen zu müssen. Wo hört sie auf? Wann bin ich mir selbst die Nächste? Wann stecke ich zurück? Ich tendiere aber wohl eher zu den Verhaltensweisen deines Freundes. Ich horche in mich hinein, fühle nach, frage, denke … und treffe eine Entscheidung, handle.
    Man kann oft vorher nicht sicher wissen, ob eine Entscheidung mit all ihren Konsequenzen richtig sein wird. Man kann sich aber damit abfinden, das die Entscheidung zu dem Zeitpunkt das war, was sich richtig anfühlte. Wünsche dir den entscheidenden Tritt in den Hintern, damit du aus deinem Kreis rauskommst, egal wohin. LG

    • Ich habe mit meiner Schwiegermutter und meinem Schwager gesprochen. Dabei ging es um die Idee, eine ambulante Haushaltspflege zu finden, die stundenweise ins Haus kommt, um bestimmte Hilfestellungen zu leisten. Die Idee fanden beide gut, ohne zu wissen, wie diese Person zu finden sei. Ich entgegnete, zuerst steht die Entscheidung an, dann das Umsetzen und finden. Wir gehen diesen Weg jetzt weiter. Nur warum ist mein Schwager nicht in der Lage und so passiv-aggressiv-hilflos? Das werde ich ihm noch sagen, dass er mich wütend macht.

  7. Warum macht dich dein Schwager wütend? Beide finden die Idee gut und baruchen halt Unterstütung, eine solche Hilfe zu finden. Da kannst du helfen. Und alle sind glücklich.
    Dein Schwager trägt doch schon eine große Last. Vielleicht ist er in der Situation einfach überfordert.

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