Was mir fehlt, ist mein Vater

Ich denke schon sehr lange über dieses Gefühl nach, das ich unablässig mit mir herumtrage, das mal stärker, mal weniger da ist. Dieses Loch, dieses Sehnen, diese Sehnsucht, so unbeschreiblich, tief und oft auch schmerzhaft unstillbar.

In der Vergangenheit, als das Leben im Aufbau begriffen war mit Job, Haus, Familie und Freundeskreis ließen sich die schmerzhaften Auswirkungen durch gewisse Faktoren mildern und abdämpfen, ohne jedoch jemals geheilt zu werden. Mir waren die Symptome noch nicht einmal wirklich bewusst. Heute ahne ich, dass das Kaufen als Beispiel eine gewisse lindernde Wirkung hat, oder das Vorzeigen von neuen Errungenschaft im Job. Damit ließ sich trefflich prahlen, die Wirkung war wie ein Aspirin bei Kopfschmerzen. Nur leider oder Gott sei Dank funktioniert diese Methode nicht mehr so recht, weil jedes Wachstum einmal ein Ende hat und fraglich ist, ob ich dies wirklich noch will.

Vielmehr interessiert mich dieses Gefühl, dieses „Loch“, woher stammt es, haben es andere auch, wie wirkt es und welche Folgen hat es auf mein Leben. Zumindest in der Vergangenheit schien es eine starke Antriebsfeder gewesen zu sein, die mich hierhin brachte, wo ich Stand heute bin.

Fest steht, es eine Mangelgefühl, als fehle mir etwas, Leichtigkeit, Sicherheit, Entschlusskraft und auch ein gewisser Lebensmut.

Neben den beschriebenen Methoden und Strategien half mir über eine sehr lange Zeit Frau Notos, einfach durch ihre Anwesenheit, als Stütze, als Trost. Nur leider schwindet auch dieser Wirkkreis, weil, wenn ich wirklich mal Trost will, sie es nicht kann. Scheinbar findet sie es unmännlich, es stößt sie ab.

Die Kaprizierung auf andere Frauen ist naheliegend, jedoch nicht wirklich zielführend, weil auch durch diese Methode der Kern nicht getroffen wird, ich nicht geheilt werde.

Hier im Blog und anderswo lese ich, das innere Kind zu lieben, ja, okay, ich setzte mich damit auseinander, las Bücher, diskutierte. Nur wie gebe ich meinem inneren Kind so viel Liebe, das es satt ist?

Derzeit lese ich ein Buch über einen Sohn, der über seinen Vater schreibt und die Liebe, die er vermisste, obwohl der Vater existiert, aber ihm nicht das Gefühl geben kann. Dieses Buch bringt mich auf die Idee, nicht nur immer nach meiner alles beherrschenden Mutter zu schauen, sondern zu überlegen, welche Rolle mein Vater in meinem Leben gespielt hat und welche Bedeutung ich ihm beigemessen habe. Keine. So kurz und knapp dieses Urteil ausfällt, so hammerhart ist es. Mir fehlt die Vaterliebe, die bewusste stolze Bezogenheit auf ihn. Er hielt sich stets im Hintergrund, war höchstens tadelnd und der verlängerte böse Arm meiner Mutter, sobald sie nicht mehr weiterwusste mir ihren Einschüchterungen und fehlgeleiteten Erziehungsmethoden.

Aber ein positives Beispiel war er lediglich und reduziert auf seine Rolle als Ernährer, Geldbeschaffer und Arbeitstier. Diskussionen mit ihm in liebevoller Weise fanden nicht statt, wir gerieten meistens aneinander und stritten uns. Seine Ansichten fand ich zutiefst befremdend und weltfremd. Offensichtlich provozierte er mich schon allein dadurch, dass er den Mund aufmachte. Wirklich geachtet habe ich ihn nicht.

Erzogen wurde ich von meinem Großvater, der den väterlichen Teil meiner Erziehung übernahm, dem ich viel verdanke, dem ich heute aber auch kritisch gegenüber stehe, weil er sich zwischen mich und meinen Vater drängte. Natürlich hat mein Vater das zugelassen und nie offen interveniert, dazu hatte ich zuviel Respekt vor meinem Großvater. Er wurde entwertet von ihm und auch teilweise von meiner Mutter.

Von meinem Vater lernte ich, ein sinnvolles Leben ist Arbeit und Gehorsam. Freude, Glück und Selbstverwirklichung stand nicht auf seinem Plan.

Heute ahne ich, wie mein Leben damit in Zusammenhang steht, ein präsenterer Vater hätte aus mir einen anderen Menschen gemacht, womit ich nicht sagen will, dass ich krank bin im pathologischen Sinne, aber mir machen halt bestimmte Dinge große Schwierigkeiten. Freude am Leben und bestimmte Entscheidungen fallen mir schwer, es scheint, als suche ich von außen eine Legitimierung für bestimmte Weichenstellungen, die ich nie bekommen werde und ich sie deshalb aufschiebe.

Frauen sind nicht die Lösung, aber ein naheliegender Weg Trost zu finden, dieser Weg stellt jedoch eine Sackgasse dar, die mich nicht zu mir bringen wird. Die Lösung von der Mutter und die Hinwendung zum Vater, dieser Weg scheint mir intuitiv schlüssig, um zu mir zu finden und zu wissen, mit welcher Frau und nicht Mutter ich mein weiteres Leben verbringen möchte, zum Lieben und nicht zum Trösten.

Verdammt, ja, und mir fehlt Mut, ganz konsequent zu sein. Ich bin nicht mutlos, brauche oft sehr viel Kraft, ihn aufzubringen. Oft fühle ich mich zu harmoniesüchtig und zu schnell bereit, nachzugeben, um zu gefallen. Da fehlt mir mein Vater.

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Eine Antwort zu “Was mir fehlt, ist mein Vater

  1. Dein Artikel hier hat mich sehr tief bewegt. Eine Träne in den Augen gebracht.
    Lieben Gruss

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