Vater – Sohn – Distanz – Nähe

„Mein Vater nahm die Hand von der Schulter und ergriff meine Hand. Seit meiner Kindheit hatte ich seine Hände nicht mehr berührt.

Ich wollte gerade den Widerstand aufgeben und mich gehenlassen, da überkam mich unerwartet ein seltsames Gefühl. Als würde meine Schwäche einer neuen Stärke weichen. Ich musste nicht mehr weinen. Bis zu diesem Augenblick hatte ich mich gefühlt wie ein Vater, der seinen Sohn begleitet. Seit er meine Hand genommen hatte, fühlte ich mich plötzlich als Sohn. Ich hatte meinen Vater gebraucht, und er war gekommen. Schweigend, meine Hand in der seinen, saß ich da und fühlte mich wohl. Noch nie war ich ihm so nahe gekommen. Es war noch gar nicht lange her, da wäre mir eine solche Geste peinlich gewesen. Aber in diesem Moment überhaupt nicht.“

aus: Fabio Volo, Zeit für mich und Zeit für dich

Bei der Lektüre schossen mir die Tränen in die Augen, ich war sehr gerührt, selten las ich etwas derart Zärtliches zwischen Vater und Sohn. Mir kommt die Situation undenkbar vor. Diese Nähe würde ich nicht aushalten, sehne mich jedoch danach. Wie ist das? Kann schon das Bewusstsein dafür, die Sensibilität etwas Tröstendes haben? Beschrieben wird das lebenslange Sehnen eines Sohnes nach der Anerkennung durch seinen Vater, das lebenslange Missverständnis von der Stärke des Vaters, die eigentlich eine Unsicherheit ist, die der darbende Sohn leider nicht sehen kann und sehen will. Vielmehr noch erscheint die Unsicherheit des Vater und die Angst vor dem Versagen als Vater in den Augen des Sohnes als Distanziertheit, als Ablehnung. Was für ein Drama, der Vater zieht sich zurück und der „verliebte“ Sohn auf der Suche nach Nähe empfindet dieses Zurückweichen als Zurückweisung, die ihn ein Leben lang begleitet. Wirkt das Erkennen und die Vergebung als Heilung? Schließt sich die Leere im Kopf dadurch?

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2 Antworten zu “Vater – Sohn – Distanz – Nähe

  1. Ich finde es schön von meinem Papa und meiner Mama ab und an mal in den Arm genommen zu werden. egal was ich wieder angestellt hab 😀 eigentlich lieben die Eltern einen doch immer, nur manche können es nicht richtig zeigen.
    Toller Buchausschnitt 😉

  2. Zu Deinen Schlussfragen: Zwei Mal Ja. Es ist der Anfang der Heilung.

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