Mein Tagebuch… oder was hilft es mir?

Frühling

Tagebuch führte ich eigentlich schon immer. In irgendeiner Form stehen Gedanken von mir aufgeschrieben, irgendwo. Leider nicht immer lebensfüllend. Aber doch schon so ziemlich viel steht von mir geschrieben.

Am Wochenende suchte ich in meinem Tagebuch Fundstellen zu gewissen Begebenheiten. Ich kam ins Lesen und war fasziniert. Leider fand ich nicht das Gesuchte, dazu hatte ich anscheinend nichts aufgeschrieben, was ich fand, waren jedoch andere Schätze, deren Vorhandensein ich nicht für möglich gehalten hatte.

Das Tagebuch beginnt im Alter von 18 Jahren. Ich schreibe sehr viel über meine damalige Freundin. Überraschenderweise überfielen mich beizeiten schon sehr viele Zweifel über unser Zusammensein. Entweder handelten meine Worte davon, wie wenig sie sich öffnen konnte oder wie ich eigentlich Freiraum suchte. Schon damals, diesem Herzenswunsch, meiner inneren Bestimmung, wie ich es beschreibe, nicht wirklich folgen konnte aus Angst, wir würden dann getrennt sein. Verlieren wollte ich sie keinesfalls, trotz aller Sehnsüchte. Kurz, in dem Alter, in dem man es eigentlich tut, probierte ich mich zuwenig aus. Aus Angst und Unsicherheit, nicht zu genügen, keine Freundin zu finden, nicht interessant genug zu sein, zu wenig vorzuweisen, was weiss ich, was mir noch so durch den Kopf ging. Jedenfalls fehlte mir die Sicherheit und das Selbstbewusstsein, wie manch einem anderen, der sich da mehr ausprobieren konnte.

Vergleiche ich meine jetzige Lebenssituation mit der damaligen Situation, hat sich in gewisser Weise nicht viel geändert. Ich bin in letzter Konsequenz immer noch nicht bereit, für meine Freiheit alles zu opfern. Ich beschreibe mich als sehr kompromissbereit, aber nicht bis in die letzte Konsequenz. Sobald ich spüre, wie ich in die Enge getrieben werde, spüre ich Wut und verteidige mich. An der Stelle bin ich kompromisslos. Ich kenne sehr deutlich den Unterschied zwischen Menschen, die ich gut ertragen kann und dir mir maßlos auf die Nerven fallen können, sobald sie anfangen, an mir zu zerren.

Meine Frau hat ein sehr gutes Geschick darin, mir nicht auf die Nerven zu fallen, mich nicht in die Ecke zu treiben, meine Sehnsüchte zu tolerieren. Ich sehe sie mit anderen Augen. Ich glaube nicht, sie macht das aus Kalkül, sondern weil sie so ist. Deshalb lässt sich das authentisch leben. Dafür liebe ich sie.

Mein Tagebuch belegte mir dies, was ich immer spürte, nun aber mit Gewissheit weiss, auch durch die Lektüre. Dennoch, ich habe Sehnsüchte, die mir keine Partnerin je erfüllen wird. Dieses Gefühl, das ich ein Leben lang mit mir herumtrage, es nicht wirklich beschreiben kann, ist da, es treibt mich an. Die Frage ist, würde ich für die Erfüllung alles aufgeben oder ist das nicht nötig?

In der jüngeren Vergangenheit bewies ich mir, ich kann für mich sorgen, auch was dieses nagende Gefühl angeht, das so gern gestillt werden will. Zaghaft zwar, aber doch zielgerichtet. Gelegentlich ungestüm, was dazugehörte, ob es möglich ist, eine gewisse Kultiviertheit hineinzubringen, deren Umsetzbarkeit besser lebbar ist? Eines habe ich aber noch, diese Aversion gegen den Verdacht eingesperrt zu werden.

Ergänzung: was noch viel schlimmer ist, was gar nicht geht, was mich zur Weissglut bringt, ist, erpresst zu werden oder zumindest den Verdacht zu hegen. Schon bei der Formulierung einer gewissen Erwartung von Gefühls- oder Anerkennungsbekundungen mache ich zu. Entweder, es kommt von mir, dann von Herzen. Oder es kommt nicht. Dann auch von Herzen. Menschen, die damit ein Problem haben oder meinen, sie könnten mich dementsprechend erziehen, damit ich deren Hoffnungen und Sehnsüchte erhelle, muss ich leider enttäuschen. Dann eben nicht. Das ziehe ich konsequent durch, auch bis zum Ende, bis zum sofortigen Beenden aller Verbindungen und Verbundenheiten. So viel weiss ich inzwischen. Früher war das anders.

Wie gut, zu lesen, was ich aufgeschrieben habe.

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Eine Antwort zu “Mein Tagebuch… oder was hilft es mir?

  1. an mir darf auch niemand zerren oder mich einengen, das ertrage ich nicht.

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