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Die letzten Männer

Derzeit wird kaum ein Thema so subtil zum Dauerbrenner in den Gazetten und Magazinen behandelt, wie…, nein, nicht der 100. Jahrestag des Beginns des 1. Weltkriegs, auch nicht Putin oder dieses verlorene Flugzeug, oder Hoeneß, nein, die Entdeckung des Mannes als eigenständiges Wesen und die Frage, woher er kommt, was er macht, was er will und was frau möglicherweise von ihm will. Immerhin meinen Frauen seit Alice Schwarzer, Männer seien irgendwie überflüssig, zumindest für die übliche Alltagsabwicklung. Für das eine oder andere sind sie gut genug. Das nagt im Selbstverständnis oder es nervt schlicht. Für mich eindeutig das Thema des Jahres. Das „neue“ Selbstverständnis des Mannes. Was mich das betrifft? Okay, ich bin ein Mann, rein biologisch gesehen. Aber was macht mich als Mann aus? Woher komme ich, wohin will? Wer prägte mich? Warum muss ich immer so lange hin und her überlegen, wenn etwas zur Entscheidung ansteht?

In den 60-er Jahren aufgewachsen, in den 70-ern pubertierend, frage ich, wer bin ich eigentlich als Mann? Sozialisiert wurde ich in einer Zeit der political-correctness, Schule war geprägt von links-liberalen Lehrern, Kriegsschuld, Anti-Imperialismus und später der Angst vor Raketen aus dem Westen, die aus dem Osten waren auch da, aber schienen für den einen oder anderen nicht so bedrohlich. Warum, weiß nicht, wahrscheinlich weil man annahm, die aus dem Osten funktionieren eh nicht.

Mein Vater war, wie viele Väter, wenig anwesend, dafür war mein Opa sehr häufig zu Hause und erzog mich mit. Die beiden waren eine ganz andere Welt, als die Väter und Großväter von Freunden, noch viel anders, als die Männer im Fernsehen. Zwei Welten prallten aufeinander.

Als neuen Mann war man den weichgespülten Mann gewohnt, der, der strickt und Norwegerpullover trägt („Hallo, ich bin der Maddin“, à la Dieter Krebs). Raubbeinig durfte man nicht sein, Macho schon gar nicht, Softies waren angesagt. Aber auch nicht wirklich, wer Sex wollte, musste wiederum anders sein. Klar war, es war kompliziert.

Die Väter und Großväter waren noch ganz anders gepolt, kriegs- oder nachkriegsgestählt hatten sie sowieso ganz andere Interessen und Sorgen, welche, weiß ich nicht. Wahrscheinlich gingen ihnen ihre Frauen auf den Zeiger, was sie aber nicht offen zeigen durften. Und den Frauen gingen ihre Männer auf den Zwirn, was sie aber nicht zeigen durften. Der Hausarzt verschrieb schon mal ein Paar Pillen gegen Niedergeschlagenheit, heute heißt es Depression und ist Gesellschaftsfähig. Früher war eben alles ein wenig versteckter, nicht so offen. Scheisse durfte man nicht sagen, schon gar nicht im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und Fernsehen. Von Sex redete man ebenfalls nicht.

All diese komischen Gedanken gingen unbewusst und unbeantwortet durch meinen Kopf, Gedanken, die so unklar war, ich kann sie noch nicht einmal mehr formulieren, geschweige denn früher fragen. Eine Antwort hätte ich eh nicht bekommen. Wahrscheinlich besorgte Blicke oder Pillen gegen Niedergeschlagenheit oder eine Drohung mit Erziehungsheim.

Emotionalität von Opa oder Vater, was war das? Kloppte ich mir mit dem Hammer auf den Finger, kam entweder ein mitleidiges Kopfschütteln meines Vaters wegen meiner Unfähigkeit oder ein „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ als Angstbitte, bloß nicht loszuheulen und ihn damit zu überfordern.

Die Freunde und Bekannten meines Vaters und Großvaters waren allesamt Typen voller cooler Sprüche, breitbeinigen Schweigens oder großspuriger Sprüche. Sprüche hatten sie immer alle drauf, ich nie. Beeindruckt von ihrer „Stärke“, verschämt von meiner Schwäche strahlte ich sie als Vorbilder an.

Mein Männerbild war das eines Cowboys ohne Pferd und Gewehr, typenmäßig so John Wayne und Ben Cartwright, grobschlächtig, emotionale, aber gutmütige Typen. Geredet wurde wenig, Ernsthaftigkeit war Trumpf. Je strenger und ernsthafter und verschlossener, nahm ich an, desto mehr Mann. So, dachte ich, müsste man sein.

Fanden die Mädels so gar nicht, merkte ich bald. Ob ich tatsächlich versuchte, so zu sein, weiß ich nicht, zumindest aber so, wie die coolen Typen aus der Raucherecke unserer Schule. Dummerweise war und bin ich ein schlechter Schauspieler, beide Rollen konnte ich nicht und wunderte mich, weil ich bei den Mädels abblitzte. War die wieder zickig, dachte ich, oder ich bin eben nicht toll und cool genug. So gingen die Jahre ins Land und ich nahm meine Opferrolle mit.

Heute wird schon mal ein Mann, der nichts will, idealisiert. Mal ganz was anderes, als der Macher, der, der eiskalt als lonesome Cowboy vorangeht. Der keine eigenen Bedürfnisse hat, der nicht auf der Suche nach Glamour, Jugendlichkeit, Geld ist. Ein Mann, der nichts will, außer, eine Frau eine Zeit lang ein bisschen glücklicher zu machen. So stehts zumindest im Zeit-Magazin vom 27.3.2014, Nr. 14 geschrieben. „Über eine neue Männerrolle“ schreibt die Autorin, eine Frau wohlgemerkt, Heike Faller.“ In dem Artikel ging es jubilierend um eine neue Männerrolle und ob damit das Ende der Evolution erreicht ist, wird frohlockt. Für mich nicht. Verdammt. Ich will kein Hausklave der Frauen werden, obwohl ich mich manchmal genau dort gesehen habe.

Aber was will ich dann? War ich nicht lange auch ein Mann, der seiner Frau „gehorcht“, versucht, es ihr recht zu machen, weil er denkt, seine Pflicht zu erfüllen, wie schon Vater und Großvater? Und aus diesem Pflichtbewusstsein seine Kraft, Motivation und Berechtigung zieht.

Dummerweise oder besser, glücklicherweise klappt das nicht mehr. Ich ziehe alles in Zweifel, und spüre, wie mir die Kraft ausgeht, der Familienvater zu sein, der Versorger, der Hausmeister, der Anstreicher. Wie hat nur mein Vater das ausgehalten? Er ist nicht geflüchtet, sondern noch immer da. Ich weiss, er ist innerlich immegriert, führt seine Form des Guerilla-Kampfes gegen meine Mutter, seine Frau.

Ich stehe gewaltig an einem Punkt im Leben, der mich fragen lässt, und nun? Kinder groß, im Job läufts so weit, neue Herausforderungen kündigen sich nicht an, soll das alles gewesen sein, genieße ich die daraus erwachsenden Freiheiten? Kann ich sie überhaupt annehmen, oder bin ich genetisch darauf gepolt, neue Kontinente zu entdecken oder darf ich mir eine Überlegenspause gönnen, die dann aber gefälligst konstruktiv zu etwas nütze ist. Warum tue ich mich so schwer, warum bin ich so voller unterschiedlicher Möglichkeiten und nicht so klar wie der Cowboy auf dem Pferd? Bin ich da kein echter Mann? Was prägt mich?

Bin ich untätig, faul, schlau, oder was? Sollte ich einen neuen Job suchen, eine neue Frau oder eine andere Herausforderung, um mein Leben zu füllen oder sollte ich besser erstmal nichts erzwingen und in mich hineinhorchen? Dieses nicht als Schwäche, sondern als der Stand der Dinge, als Stärke ansehen?

Die erste Frau im Leben eines Mannes prägt besonders und nachhaltig, das ist erwiesen und unstrittig. Es gibt Zeitgenossen, die vom Einfluss der Mutter eher ungern etwas hören wollen. Derartige Gedanken sind eher störend. Unbedacht dessen macht eine Mutter etwas mit einem, Ödipussi lässt grüßen. Meine Mutter war immer dann besonders glücklich mit mir, wenn ich ihr zur Seite gestanden habe, und besonders unglücklich, wenn dies nicht so war. Das prägt. Das Belohnungs- und Bestrafungssystem, das, auch wenn es noch so subtil ist, internalisiert, das System funktioniert irgendwann so perfekt, man spürt es nicht. Leichtes bis mittelschweres Unbehagen beizeiten, sicherlich, das lässt sich aber wegdrücken und abspalten. Manchmal versagt es, dann wird’s unangenehm. Ziemlich schmerzhaft sogar, weil auf die Frage, wie soll ich denn nun leben, wenn all die erlernten Muster wegbrechen, weil ich sie zum Kotzen finde, noch keine Antwort gefunden wurde. Ein Abgrund tut sich auf. Viele Fragen, wenig Antworten.

In den letzten Jahren war ich damit beschäftigt, mich von meiner Mutter zu lösen, habe dabei kurzfristig eine Trennung von meiner Frau gehabt, dachte, all das sei ein Weg. Mutter_Kind

Eine neue Frau bietet sich natürlich als mögliche Lösung an. Prof. Dr. Roth (ja, ich hatte die Freude und Ehre, mit ihm zu sprechen. Was wäre geworden, solch einen Mann als Vater zu haben?) erklärte mir mal in einem Gespräch über die Möglichkeiten, sich zu verändern, Neugierde und eine neue Partnerschaft würden die Veränderung eines Menschen am besten unterstützen, dies würde sich dem natürlichen Alterungsprozess am besten entgegenstellen.

Was bedeutet das? All die Muster, die mit der Angetrauten sich so leer anfühlen erneut anfangen? Nein, das geht auch nicht, weil eine neue Beziehung von Anfang an schal wäre. Wie verdammt, komme ich zu mir, damit ich weiss, was ich will? Mit all meinen verkorksten Männerrollen von Opas und Vätern, die heute so wenig taugen, wie ein Boxermotor in modernen Autos.

Ganz so ist nun nicht, dennoch, eine gewisse devote Haltung gegenüber Frauen hatte ich schon. Ich gebe das zu. Heute sehe ich mich da anders, komme denoch nur sehr schwer aus meinem alten Rollenbild heraus. Aus Bequemlichkeit und mangels eines anderen Vaterbildes. Es ist schwer, dagegen anzukämpfen. Lange war die Mutter das Thema, den Vater hatte ich komplett aus Acht gelassen bei meiner Mann- und Menschwerdung.

Ich fühle mich lahmgelegt, all die Strömungen und Muster in mir legen mich lahm. Ich fühle mich auf mich gestellt. Komme ich doch gerade nicht so daher, wie frau uns Männer gern sieht, einerseits „emanzierpiert, gleichberechtigt, sensitiv“ (so stehts im „zeitmann“ aus der ZEIT vom 27.3.2014), anderseits „Gentleman, Muskelprotz, Hirsch, Rannehmer“. Auch dort zitiert.

Gerade fühle ich mich nicht „sowohl-als-auch“, sondern weder noch. Immerhin mache ich mich nicht mehr zum Erfüller von Frauenwünschen.

Die Liebe ist irre

Die eine Frau will ich, zieht sich zurück, schon lange, hält mich hin. Trotz Affäre verlässt sie mich nicht, rehabilitiert mich jedoch nicht, jedenfalls nicht richtig. Es bleibt ein komisches Gefühl des nicht Angenommenseins. Wir fühlen uns zusammengehörig, das schon, aber Zuwendung und Zuneigung findet wenn, dann unterschwellig statt.

Im Grunde war das Fremdgehen ein verzweifelter Versuch, die Beziehung am Leben zu erhalten, indem ich den Erwartungsdruck von Frau Notos wegnahm und so für Entlastung sorgte. Das gelang, aber nur solange, wie es nicht publik wurde. Mir ist die Wirkung der Worte nach außen bekannt, die Beschreibung eines Verzweifelten, der sich des Scheiterns der Ehe unter normalen Gesichtspunkten bewusst ist, dieses Bewusstsein hingegen verdrängte und nicht wahrhaben will.

Dann ist da die andere Frau, die mich will, für die ich nicht die Gefühle empfinde, um ihr die gewünschte Zuneigung und Zuwendung zu geben. Alles sehr kompliziert, würde ich sagen. Fragte mich ein Freund, würde ich ihm raten, lass die Finger davon, weil er nicht die Verantwortung für die Gefühle der Frau übernehmen kann. Sie ist im Bilde über alles, unterlag keinem Schwindel und keinen Versprechen. Freundschaft war das, was ich ihr anbieten kann. Nur diese Freundschaft funktioniert nicht, ihre Gefühle sind intensiv, ich empfinde das nicht, das macht es kompliziert. Dennoch schätze ich die Gespräche. Mir genügt das, ihr nicht. Sie will sich treffen, ich eher nicht.

Die Kräfte der Liebe sind ungleich verteilt. In Bezug auf meine Frau wird mir erst in diesen Tagen bewusst, wie ungleich. Geschichte, wie die Liebesnähe beschreiben Wünsche und Sehnsüchte, wie ich sie auch in mir habe, sicherlich nicht so gut beschreiben kann, aber durch diese schriftstellerische Leistung fremde Worte bekomme, die ich gern ausdrücken würde. Ich gehe also davon aus, dass ich normal bin, dass meine Gefühle berechtigt sind, einen Raum haben dürfen, ich dafür sorgen muss. Nur leider finden die Gefühle bei meiner Frau keinen Raum. Um die Waage auszugleichen, suchte ich eine außereheliche Beziehung, zur Kompensation. Ja, so ist das. Unsere Beziehung scheint sich in Richtung einer dieser berühmt-berüchtigten Vernunftsehen zu entwickeln. Wo bleibt dabei die Leidenschaft, das Verlangen, das Begehren? Holt sie es sich woanders? Wie gehe ich damit um? Darf ich mir meine Sehnsüchte befriedigen, woanders? Kann ich das, damit umgehen, frei sein, endlich, auch im inneren Frieden mit dieser Situation umgehen?

Wilhelm Genanzino schrieb ein Buch mit dem treffenden Titel: Die Liebesblödigkeit, der alles sagt und weiter

Reif für die Partnerschaft

„Als positive Motivation, eine Partnerschaft einzugehen bezeichne ich die Begründung, die ein reifer Mensch für den Beginn einer Partnerschaft sieht. Der autonome, reife Mensch ist allein lebensfähig, und zwar hat er die erfüllende Lebensqualität für sich bereits gefunden. Er kann bereits, ohne dafür einen Partner zu benötigen, ein Leben führen, das er als zufriedenstellend bezeichnen würde. Mit dem Wissen, im Leben zurecht zu kommen und dem Gefühl, sich und die Welt zu mögen und gerne zu leben, ist er nicht abhängig von der Präsenz eines Partners. Vielmehr sieht er sich selbst als die Ursache für die dynamische Balance seines Lebensgefühls. Würde ein Partner in sein Leben treten, bedeutet diese Veränderung eine Steigerung, eine Verbesserung im positiven Bereich. Er ist weitgehend gefeit vor den Abhängigkeiten, den Zeitzündern jeder Beziehung. Würde der Partner ihn eines Tages verlassen, so sind die existentiellen Grundpfeiler nicht gefährdet. Das schafft Freiwilligkeit.“

„Liebe und Angst“ von Stephan Lermer, gefunden auf http://www.nexusboard.net/sitemap/4802/qualende-verlustangst-t227787/

Solange zusammen und nun das. Ich komme mir vor, wie ein pubertierender Teenager. Frau Notos sitzt es aus, will es mit sich abmachen. Ich will reden, reden, reden. Leider mache ich gerade selber klein, weil ich mir die Fähigkeit abspreche, allein klar zu kommen. Wann habe ich das auch gemusst? Eigenständigkeit stand auf meinem Erziehungsplan nicht oben. Also, was mache ich mich an? Der Haltepunkt meines Lebens schwindet. Was bleibt, wenn alle Haltepunkte reissen?

Ich dachte, ich wäre weiter, bin ich aber nicht. Für mich allein, vielleicht ja, aber nicht mit Frau Notos. Aus Angst, falle ich in Kontrolle und Festklammern. Ein schlimmer Zustand.

An vorderster Stelle steht das Erwachsen werden davon.

 

Freiraum einnehmen

Meinen Freiraum einnehmen, annehmen, mein großes Thema. Mein großes Thema der letzten Jahre.

Mein Lernziel war und ist, Freiraum zu erlangen. Beschränkungen und Selbstbeschränkungen aufzuheben. Die Unfreiheit kam nie von außen, sondern immer von innen. Meine Beschränkungen erlegte ich mir selbst auf. Was so selbstverständlich klingt, wurde mir erst sehr spät bewusst.

Zeit meines Lebens klammerte ich mich an andere Menschen, bin nie ohne Rücksicht auf Verluste vorgegangen. Wahrscheinlich liegt darin der Grund, warum ich mich so schwer damit tue, Veränderungen zu bewirken. Weil ich nicht nur für mich schaue, sondern auch auf andere.

Irgendwie ist es fast schon zur fixen Idee geworden, diese Begrenzungen aufzusprengen.

Kommt es vor, dass ich mich vereinnahmt fühle, ziehe ich mich zurück, mache mich auf, nicht in eine weitere Verpflichtung zu gelangen.

In bestimmten Bereichen klappt das nach wie vor nicht. Kompromisse gehören zum Leben, nur darf es gelegentlich konsequenter sein, denke ich für mich. Sicherlich erliege ich einem Irrtum, das gesamte Leben mal eben so über den Haufen zu werfen, und alle scheinbaren Betonringe zu knacken.

Nur wirklich frei fühle ich mich nicht. Die Beschränkung liegt in mir, gewisse Rahmenbedingungen zu verlieren, Halt zu verlieren, in ein Loch zu stürzen. Diesen Zustand finde ich bei meiner Frau. Eine Situation, die schlecht zu verkaufen, einerseits eine Geliebte, andererseits Angst, die Frau zu verlieren. Sie bedeutet mir sehr viel. Ich bin unheimlich gern mit ihr zusammen. Allerdings stoße ich mit ihr an Grenzen, die unüberwindlich scheinen.

Dachte ich bislang, das sei so oder es läge an mir, weiss ich, dem ist nicht so. Sie ist wie sie ist. Wo bleibt meine Verantwortung, dann zu sagen, ich gehe, als dem Irrtum anzuhängen, es würde sich schon zu bestimmter Zeit alles rütteln und ein Happy End geben.

Wir sind uns einig, uns nicht trennen zu wollen. Jüngst ist es mir möglich, sehr klar zu äußern, mir würden Dinge fehlen, das Fehlen macht mich unglücklich, also hole ich es mir woanders, vielleicht durch eine offene Beziehung.

Nur da fangen für mich die Selbstbeschränkungen wieder an. Ihr muss ich es gleichermaßen zubilligen. Das ist der Grad der Unabhängigkeit, der mir fehlt, da der Schritt immer mit einer eifersüchtigen Sorge verbunden ist. Wie überwinde ich dies, um weniger anfällig für die Selbstbeschränkung zu sein, dabei auf der anderen Seite nicht zu selbstsüchtig zu werden?

Die Zwiebel von außen nach innen pellen

Hinterfrage ich kritisch, ob und inwieweit ich durch Lesen in meinem Leben weiterkomme, meine Selbstanalysen tatsächlich Effekte erzielen, dann bin ich von Zeit zu Zeit doch überrascht.

Beim Lesen zu einem Thema scheint sich das Thema mit mir zu verbinden, dadurch entstehen neue Denkmuster und Gefühle, mit Hilfe derer ich nach innen horchen, Gefühle und Zusammenhänge in neue Worte fassen kann.

Diese Worte google ich und stoße auf erstaunliche Ergebnisse, die mich in neue Gefilde vorstoßen lassen. So gelange ich tiefer und tiefer.

Was aber bleibt von einer abgepellten Zwiebel?

Verändert Lesen?

In den letzten Jahren las ich unzählige Bücher über Persönlichkeitsentwicklung und Psychologie. Verschiedenste Themen und Bereiche interessierten mich.

Das gerade in Arbeit befindliche Buch war jeweils eine Entdeckung, ein Goldschatz, ein Quell voller erquickender Erkenntnisse und Informationen.

Meine Motivation, all das zu durcharbeiten, war, mich besser zu verstehen, mich zu entdecken und zu verändern. Das Leben hält diverse Anforderungen bereit, auf die ich mit meinen Haus- und Bordmitteln nicht vorbereitet war.

Im Gegenteil, mein Gepäckabteil ist beladen mit diversen Irrläufern und schweren Gepäckstücken, die ich mir irgendwann einmal aufgeladen habe und die mir vermutlich der Konstrukteur aufgehalst hat, ohne dass ich es jemals wirklich überblickte, was das so schlummert. Gepäck macht sicher, aber auch schwer und unbeweglich. In Krisenzeiten fand ich das eine oder andere Handwerkszeug in einer Kiste, das mir jedoch nicht wirklich weiterhalf. So erging es mir mit vielen Kisten, die verstaubt im Laderaum herumstanden.

Vor lauter Stehmichrums verläuft mein Kurs scheinbar geradeaus, auch wenn mal scharfe Kehrtwendungen nötig wären. Geht aber nicht, die Kiste ist zu unbeweglich geworden. Helfen und halfen mir nun all diese Bücher, meinen Frachtraum zu überblicken und zu entrümpeln, umzudisponieren?

Manchmal denke ich, ja, manchmal nein. Ganz sicher, nochmal ganz viel Zeit ist nötig. Hätte ich die Energie nicht in etwas anderes hineinstecken sollen? Wie wird man schneller erwachsen?

Im Grunde glaube ich, bin ich  meiner inneren Stimme gefolgt und versuchte schon den richtigen Weg. Bei der Bewertung des Ergebnis muss ich aufpassen, sehr bei mir zu bleiben. Andere Menschen verdienen Millionen oder erringen tolle Ämter und Titel (z. B. Wulff), ohne offenbar erleuchtet zu sein. Wie schaffen sie es, in ihrer Verblendung solche Dinge zu leisten?

Und ich zweifele ständig an mir rum. Trotz der Bücher und Erkenntnisse. Irgendwo da unten muss noch eine Kiste mit Trauma rumstehen. Wo war sie nur? Gesehen habe ich sie schon.

Von Liebe keine Ahnung

Freibad Letzigraben Pavillon 1947 Max Frisch

Image via Wikipedia

Max Frisch schreibt in Gantenbein: „Noch jede Frau, dachte er, jede, die er umarmt hatte, fühlte sich geliebt; jede aber, die er wirklich zu lieben begann, sagte ihm früher oder später, das er, wie alle Männer, von Liebe keine Ahnung habe…“

Ein fantastischer Satz, der mich sofort elektrisierte, der sich wohltuend aus dem Getümmel von Gedankendurcheinander hervortut. Er zeigt für mich das Geschlechterdilemma in bester Manier. Ich kann diesen Satz voll nachvollziehen, immer dann, sobald ich Vertrauen fasste, ging irgendwas schief mit der Frau, sobald ich mich drauf einließ, fühlte sie sich erdrückt, stehengelassen mit einem schlechten Gefühl, etwas nicht verstanden zu haben, nicht zu stimmen, spüren diesen Vertrauensverlust andere Frauen später.

Klar, die Frauen nervt möglicherweise die unerwachsene Liebe der Männer, die Männer kommen hingegen nicht klar mit dem Wunsch der Frauen, eine Art Vaterersatz zu bekommen. Der Mann soll stark sein, aber was heisst stark? Jedenfalls nicht gemeint sind Muskeln, eher schon manche Gemütsschwankung der Frau zu ertragen, sobald sie ein Mädchentrauma verfällt. Mann soll das aushalten, aber wie, weil er sich plötzlich vor der keiffenden Mutter erschrickt. Das Geschlechterdilemma kondensiert an Kindzuständen von Frau und Mann. Hilfe, wann werden Frauen und Männer erwachsen?

Wieviel Vertrauen vermag ich aufzubringen, zu Lieben zu beginnen?