Schlagwort-Archive: Freiheit

Bernstein

images

Merkwürdig. Eigentlich wollte ich einen Beitrag zu etwas ganz anderem schreiben. Plötzlich bog ich ab. Der Bogen springt eigentlich, von Sex und Sport handelte es, ansich schon eine merkwürdige Aufreihung, die nur zu Missverständnissen führt. Gemeint war tatsächlich das, was ich schrieb und nicht was man sich zusammenreimt. Sex als Sport. Nein. Dann auch noch die Wendung des Ganzen, zu etwas völlig Unerwartetem. Ich schrieb und veröffentlichte, ein paar Minuten später wollte ich den Artikel revidieren. Zu spät. Jemand hatte bereits gelesen. Deshalb ließ ich ihn unverändert. Eine Ahnung zudem, ich würde bei jemandem eine gewisse Reaktion hervorrufen, ließ ich außer Acht. Ich wollte es schreiben, weil der Traum mich begleitet. Tatsächlich handelt er von Frau – ich nenne sie mal – C. Träume von Realität, geträumte Realität, gelebte Realität, reale Träume, reale Wirklichkeit, wahrgewordene Träume, allzu schnell aufgegebene Träume, alles miteinander verbunden. Noch nicht einmal versteckte Wirklichkeit, wirkliche Wirklichkeit und dennoch finde ich mich im Traummodus wieder, weil ich nicht alle Kirschen am Baum essen darf.

Warum so und nicht anders? Eine seltsame Feststellung. Eine sehr besondere Freundin stellt mir unbequeme Fragen dazu, die ich nicht beantworten kann. Zumindest finde ich geschriebene Worte von mir. Zumindest war es kein Traum, sondern wahr, zumindest befinde ich mich im Leben, weil ich fühle, bin, entscheide. So oder so.

Gehen können

Ich konnte nicht gehen und kann nicht gehen.

Früher, als Jugendlicher kämpfte ich für meine Freiheit. Es brachte nichts, ich änderte nichts.

Heute als Erwachsener kämpfte ich für meine Freiheit. Es brachte nichts, ich änderte nichts.

Damals wäre ich niemals auf die Idee gekommen, zu gehen. Heute komme ich nicht auf die Idee, zu gehen, aber ich gehe trotzdem nicht, warum nicht? Weil ich es nicht gelernt habe?

Der Irrtum der offenen Beziehung

Noch vor drei Monaten war die Vorstellung verlockend: eine offene Beziehung könnte alle Probleme lösen. Frau Notos macht ihr Ding, ich mache mein Ding, gemeinsam machen wir unser Ding, keine Trennung, kein Schmerz, nur, weil ein anderer Mensch jeweils für uns auch gewisse Reize hat. Weil kein Mensch jemals alles hat, um sich ganz zu fühlen.

Trennen ist altmodisch, wir machen einen auf modern. Nein, warum sollten wir uns trennen, wir überzeugt, das bringt nichts, weil nach einer gewissen Zeit wieder Grenzen erreicht werden, warum deshalb alles einreissen, damit scheitern. Die Krise als Chance sehen, Grenzen aufweichen, neue Eindrücke sammeln, mit einbringen, etwas Neues schaffen, das dem Alten eine neue Qualität gibt.

Frau Notos schien dem Ganzen gegenüber nicht abgeneigt, wir kokettierten viel damit. Mein Konzept übernahm sie, ich knickte ein, weil ich dafür zu schwach bin.

Wie schön und einfach hätte alles sein können, sie fährt die Tage weg, ich treffe mich mit Frau B., alle haben etwas davon und vorallem eine gute Zeit.

So ganz so einfach wurde es nicht. So ganz so offen ist auch meine Frau nicht. Sie machte sich schon Gedanken ob Frau B. Ich traf sie nicht, dass sei mal am Rande verraten. Ganz allein schon aus dem Grunde, weil ich vor mir gänzlich das Gesicht verlieren wollte und als Weichei dastehen. Die Frau verreist und der dreiste Herr vergnügt sich zum Trost mit „der anderen.“ Nein, keinesfalls. Und das war auch gut so.

Aber wie gesagt, offene Beziehung geht bei mir nicht. Die intimen Fantasien gehen über meine Belastungsgrenze, verletzen mich. Sowohl die sexuellen Gedanken, als auch das, was Kommunikation ist. Meine Frau und ich, wir sind einander verbunden, aber da ist soviel Luft und damit soviel Raum für schmerzende Fantasien, der Raum könnte durch einen anderen Menschen gefüllt werden und nicht durch einen selbst. Der Gedanke entwertet total. Das macht den Schmerz aus.

Da sind bei mir scheinbar noch zu viele Traumata, die berührt werden. So frei bin ich nicht. Überhaupt, Freiheit, ertrage ich so viel Freiheit?

Eine offene Beziehung widerspricht der menschlichen Natur, weil jeder Mensch nach Sicherheit und Liebe und Anerkennung strebt. Eine offene Beziehung ist das Gegenteil. Eine offene Beziehung ist das größte Maß an Unsicherheit, dass ich mir vorstellen kann, weil meine Exklusivitätswünsche in Frage gestellt werden, automatisch die Sorge vor Vergleichen angestellt werden. Offene Beziehung funktionieren nur bei Menschen, die so stabil und voller Selbstvertrauen sind, die sich von außen nie in ihrem Selbstverständnis verletzen lassen würde, dass ich denke, sind diese Menschen überhaupt beziehungsfähig.

Freiheit

Die Tage nach dem verdammten Wochenende mit diesem fiesen Rückfall in alte Zeiten, bei dem ich mich wie ein Baby weinend an Frau Notos klammerte, haben mir gut getan. Ich spüre die Rückkehr meiner inneren Ausgeglichenheit, erschöpft zwar, nicht mehr so voller Tatendrang, spüre doch immerhin, nicht mehr so anfällig für diese Bedürftigkeit zu sein, diesem schmerzhaften Gefühl einer inneren, offenen Verletzung, die scheinbar nur durch wohlwollende Worte von Frau Notos gesalbt und geheilt werden können.

Nicht umsonst schrieb ich, ich würde mir fast wünschen, sie ginge zu diesem Mann und verlebt eine gute Zeit. Bestimmt täte es ihr gut. Mir täte es ebenfalls gut, weil ich die Erfahrung mache, es bringt mich nicht um. Uns beide brächte es weiter. (Na ja, so richtig gut täte es mir nicht in dem Moment, weiterbringen würde es uns.)

An Wochenenden kann es schon mal sein, wie ich von Angstpaniken heimgesucht werde, sobald Frau Notos nicht da ist. Schon vor längerer Zeit war das so, fällt mir ein. Ich war außerstande, mich wohl zu fühlen, ruhig zu sein.

Zu Hause ertappe ich mich zunehmend oft, mich in ihrer Anwesenheit zwar ruhig zu fühlen, im Sinne von nicht beunruhigt, aber auch nicht wirklich wohl, weil ich mich nicht anlehnen kann. Zwischen uns klafft eine Lücke, obwohl wir miteinander schlafen. Auch da ist eine Lücke, mir scheint, wir schauen einander nicht auf Augenhöhe an. Sie steht dabei höher, als ich. Eigentlich keine ungewohnte, neue Feststellung, es war schon immer so.

Der Zustand ist nicht neu, sondern die Bewertung, nicht auf Augenhöhe zu sein. Je mehr Ruhe einkehrt, desto mehr komme ich zu dem Schluss, Frau Notos tut mir nicht gut. Ich muss mich irre anstrengen, ihr ist dann diese Anstrengung zu viel, sie weicht mir aus, ich „stoße“ nach, sie weicht zurück. In dem Maße, wie ich „in“ sie dringen möchte, um sie zu spüren, weicht sie zurück.

Nun, wo ich hier sitze und schreibe, attestiere ich mir eine gewisse Befreiung und Leichtigkeit. Immerhin, ja, dies darf nicht zu gering betont werden, darf ich eine große Errungenschaft präsentieren: MICH. Ich muss es mal so sehen, ich habe mich nicht klein gemacht vor meiner Frau, sondern habe mich in meinen Wünschen und Gefühlen haarklein dargestellt und kämpfte um mich. Auch um sie. Ich war nicht feige, sondern – ich nehme das für mich bewusst in Anspruch – mannhaft, auch trotz dieser Schwäche, die ich nicht als Schwäche sehen darf, sondern gern mal als Stärke. Ich war eben so, in dieser fiesen Nacht, als ich zu ihr ging und reden wollte.

Es wird höchste Zeit, die Dinge mal so zu sehen, ich habe mich dargestellt, nicht versteckt, klar gesagt, was ich fühle, was ich genau will, weiss ich nicht (habe ich auch gesagt und dazu gestanden) und, dass ich an Frau B. denke. Natürlich hätte ich sagen können, ach, vergiss es, das war nur ein kleines, unbedeutendes Abenteuer, völlig ohne Belang, ich liebe nur dich. Nein, so war das nicht. Nur eben diese heftigen emotionalen Schmerzen beim Gedanken an Frau Notos Wege. Vielleicht half es mir, durch den Schmerz zu gehen. Soll ja helfen, so las ich zumindest. Sollte sie ein Wochenende zu ihm fahren, dann gehe ich nochmal durch diesen Schmerz. Die Gefahr und die Chance habe ich. Frau Notos hatte sie nicht, weil ich sie schützen wollte. Ich bekomme es brühwarm mit. Ob sie sich traut?

Und im Grunde bin ich weiter, als zuvor, als noch alles im Geheimen lag. Die Dinge liegen auf dem Tisch, die Bedrückung daraus verschwand, mein Herz kann leichter schlagen, ich bin doch viel freier, freier, als jemals zuvor. Egal, was ich tue, ich mache es, ich kann es, ich darf es.

Freiraum einnehmen

Meinen Freiraum einnehmen, annehmen, mein großes Thema. Mein großes Thema der letzten Jahre.

Mein Lernziel war und ist, Freiraum zu erlangen. Beschränkungen und Selbstbeschränkungen aufzuheben. Die Unfreiheit kam nie von außen, sondern immer von innen. Meine Beschränkungen erlegte ich mir selbst auf. Was so selbstverständlich klingt, wurde mir erst sehr spät bewusst.

Zeit meines Lebens klammerte ich mich an andere Menschen, bin nie ohne Rücksicht auf Verluste vorgegangen. Wahrscheinlich liegt darin der Grund, warum ich mich so schwer damit tue, Veränderungen zu bewirken. Weil ich nicht nur für mich schaue, sondern auch auf andere.

Irgendwie ist es fast schon zur fixen Idee geworden, diese Begrenzungen aufzusprengen.

Kommt es vor, dass ich mich vereinnahmt fühle, ziehe ich mich zurück, mache mich auf, nicht in eine weitere Verpflichtung zu gelangen.

In bestimmten Bereichen klappt das nach wie vor nicht. Kompromisse gehören zum Leben, nur darf es gelegentlich konsequenter sein, denke ich für mich. Sicherlich erliege ich einem Irrtum, das gesamte Leben mal eben so über den Haufen zu werfen, und alle scheinbaren Betonringe zu knacken.

Nur wirklich frei fühle ich mich nicht. Die Beschränkung liegt in mir, gewisse Rahmenbedingungen zu verlieren, Halt zu verlieren, in ein Loch zu stürzen. Diesen Zustand finde ich bei meiner Frau. Eine Situation, die schlecht zu verkaufen, einerseits eine Geliebte, andererseits Angst, die Frau zu verlieren. Sie bedeutet mir sehr viel. Ich bin unheimlich gern mit ihr zusammen. Allerdings stoße ich mit ihr an Grenzen, die unüberwindlich scheinen.

Dachte ich bislang, das sei so oder es läge an mir, weiss ich, dem ist nicht so. Sie ist wie sie ist. Wo bleibt meine Verantwortung, dann zu sagen, ich gehe, als dem Irrtum anzuhängen, es würde sich schon zu bestimmter Zeit alles rütteln und ein Happy End geben.

Wir sind uns einig, uns nicht trennen zu wollen. Jüngst ist es mir möglich, sehr klar zu äußern, mir würden Dinge fehlen, das Fehlen macht mich unglücklich, also hole ich es mir woanders, vielleicht durch eine offene Beziehung.

Nur da fangen für mich die Selbstbeschränkungen wieder an. Ihr muss ich es gleichermaßen zubilligen. Das ist der Grad der Unabhängigkeit, der mir fehlt, da der Schritt immer mit einer eifersüchtigen Sorge verbunden ist. Wie überwinde ich dies, um weniger anfällig für die Selbstbeschränkung zu sein, dabei auf der anderen Seite nicht zu selbstsüchtig zu werden?

Abhängigkeit und Freiheit

Castorp schreibt in seinem neuesten Beitrag über Besitzanpruch, Abhängigkeiten und Verlustangst in einer Beziehung. Toller Artikel, er berührt meine Thematik. Was heisst berührt, er trifft den Kern.

Nun bin ich es, der in meiner Beziehung etwas losgetreten hat, was Verlustangst heraufbeschwört. Frau Notos geht scheinbar selbstbewusst damit um, dreht nicht durch, scheint gefeit gegen Verlustangst, sondern sieht die Situation als Chance. Alles super, könnte man meinen, weit gefehlt. Wer kommt damit nicht zurecht? Ich. Derjenige, der so großspurig von offener Beziehung redete. Nun bin ich nicht in der Lage, die scheinbaren Freiheiten auszuleben.

Mir fehlt innerlich die Eigenständigkeit, mir das zu nehmen, was ich möchte. Mir gehlt die Freiheit, mir fehlt die Sicherheit dafür. Diese Erkenntnis ist so simpel, aber gleichzeitig so hammerhart. Ich erkenne Grenzen, die ich nicht wahrhaben will. Diese Grenzen liegen in mir, nicht in einer Person im Außen. Dadurch wird einiges leichter, ich kann bei mir schauen, ob und wieviel Freiheit ich ertrage. Freiheit, nach der es mich dürstet, die ich nicht leben kann. Was für ein Widerspruch.

Die gesamten letzten Monate und Jahre laufe ich mit der Erkenntnis herum, in unserer Beziehung gibt es eine Schieflage. Ich bin der Bedürftigere, sie die Stärkere. Daran war nichts zu rütteln. Ich wollte einen emotionalen Ausgleich, eine Beziehung des Gleichklangs, in der nicht ich mich anstrengen muss, sondern in der ich ich sein kann, in der ich annehmen kann, nicht ständig fordern muss. Ich wollte auch eine erotische Beziehung, Sex auf Augenhöhe, auch hier suchte ich einen Gleichklang, eine Erfahrung, wie es anders sein könnte. All das zusammen passte wunderbar.

Nun dies. Wie soll ich das leben? Muss ich mich entscheiden? Für eine Frau? Oder geht doch irgendwie beides? Diese Worte klingen so absurd, kaum aufschreiben kann ich sie. Dabei wurden all diese Gedanken bereits mehrfach durchgespielt. Scheinbar dauert der Durchsatz.

Unfrei

Samstag-Abend. Was unternehmen? Kino wäre eine gute Sache, zumal ein Wunschfilm noch ungesehen im Kino angeboten wird. „Ziemlich beste Freunde“. Frau Notos maulte, der Filmbeginn war recht spät. Egal, ich ließ ihr Zieren nicht zu.

Der Film riss mich sehr mit. Die Handlung, ungewöhnlich, zeigte zwei sehr unterschiedliche Menschen, die zueinander fanden, zwei Charaktere, die jeder für sich eine große Last zu tragen hatten, sich aber in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit unheimlich toll ergänzten. Durch Lebensfreude, Witz und Esprit schaffen sie sich eine neue Welt und neue Einsichten. Am Ende war ich sehr gerührt. Gerührt, weil ich die Figur des Driss so toll fand, er sah über seine Mängel hinweg, arbeitete daran und ließ sich nicht unterkriegen, auch wenn durchaus erkennbar war, dass er nicht nur ein tiefenloser, oberflächlicher Dauerlächler und Bespaßer ist.

Ein Film über eine ungewöhnliche Freundschaft, die unheimlich viel Lebensmut und -freude versprühte. Ich kann mir da sicher genug abgucken. Frau Notos war dann doch recht froh, nicht auf das Sofa gegangen zu sein.

Nachher gingen wir in eine obskure Kneipe. „Unser“ Thema kam natürlich auch zur Sprache. Mir fiel mal wieder diese offenbare Leichtigkeit von Frau Notos auf, die eine gewisse Nähe zur Lebensfreude von Driss hat, den sie gern mal „in Echt“ kennenlernen möchte. Ich bin da eher dieser „schwere“ Philippe, der zwar nicht körperliche, aber doch gewisse seelische Einschränkungen hat und gewissermaßen recht bewegungsunfähig ist.

Offenbar sieht sie meine Freundschaft zu einer anderen Frau nicht als ihr Problem. Das Problem dabei bin ich, der diese Freiheit nicht annehmen kann, sondern permanent erwartet, in Form von Verlassen werden bestraft zu werden. Die Frage ist nicht, ob ich eine Gelegenheit erhielte, meine Freundin zu besuchen oder zu sehen, sondern ob ich es aushalte, dieses umzusetzen.

Wie soll ich diesen Zustand beschreiben? Dafür fehlen mir die Worte. Unfreiheit? Parallel dazu schwindet zunehmend die Lust und die Sehnsucht, meine Freundin zu sehen, weil die Treffen sehr unter dieser Schwere, unter meiner Unfähigkeit, die eigene persönliche Freiheit in Anspruch zu nehmen, leiden.