Schlagwort-Archive: Jan Siebelink

Emden, Calvinismus, Backstein und Strenge

Am Wochenende verschlug es mich nach Emden, die Seehafenstadt an der Ems und am Dollart. Der Besuch war nicht ganz freiwillig, ermöglichte mir eine Erkundungstour durch die Stadt.

Sorry, liebe Emder, Cappuccino-Flair kam bei mir nicht auf beim Stadtbummel. Das Wetter war nicht sommerlich, aber ganz okay. Mir wäre danach gewesen, mich in schönes Strafencafé zu setzen, nur leider fand ich keines. Schon mein Erschrecken war groß beim Anblick dieses Stadtbildes, das so spröde und uneinladend war mit seinem billigen Backstein, der allenthalben das Stadtbild verunzierte. Backstein, schön und gut, aber nur Backstein erinnert mich an eine Kaserne, obwohl ich nie beim Militär war.

Weitere Entdeckungstouren wollte ich nciht machen, kein einladendes Straßencafé, kein Stadtflair, alles war bedrückend. Allenthalben dieser dominierende Backstein. Selbst Patrizierfassaden sind aus rotem Backstein. Nein, das passt nicht. Die Gebäude wirken, als seien sie allesamt Kasernenbaustil.

Otto Waalkes und Karl Dall brauchten wahrscheinlich ihren Witz, um diese Nüchternheit und Strenge zu überstehen und haben aus ihrer Überlebensstrategie eine Kunst und eine Weltanschauung gemacht.

Deutsch: Ostseite vom Otto Huus, dem Haus von ...

Emden überraschte mich dann über doch noch und der Tag wurde ein Gewinn. Scheinbar musste mich dieses verdrießlich stimmende Stadtbild vergraulen und an den Ort bringen, der mir etwas sagen wollte, der diese Reise mit einem tiefen Sinn versah: Das Ostfriesische Landesmuseum.

Ich muss vorschalten, vor einigen Jahren das Buch „Im Garten des Vaters“ von Jan Siebelink nahegelegt bekommen zu haben. Das Buch handelt von einem Jungen, der von seinem Vater geschlagen wurde und Zeit seines Lebens auf der Suche nach der Liebe seines Vaters war und dessen Handlung irgendwie gutheissen wollte und dabei in die Hände von religiösen Fanatikern und Eiferer geriet. Dies waren Calvinisten, die allem Schönen und Heiteren den Garaus machten. Wahrscheinlich war der Junge anfällig aufgrund seiner väterlichen Prägung.

Seit der Lektüre dieser dunklen Geschichte interessiert mich der Begriff Calvinismus, weil doch darin einiges an Erklärung für die Schwere des Lebens bzw. der Prägung, das Leben so zu sehen, liegt. Die Protestanten und mehr noch die Calvinisten verbannten Gottes- und Heiligenbildnisse aus den Kirchen, verwarfen den Gedanken, ein Mensch sei nicht von Gottesgnaden gerettet, sondern Gott erbarmt sich dem Menschen, wenn dieser dazu berufen ist, was dazu führte, dass die Menschen sich um die Errettung durch Ehrbarkeit und Fleiss bemühten, was zu völliger Unterwerfung und Angst führte. Der Mensch ist nicht wegen seiner Selbst wegen von Gott geliegt, sondern nur dann, wenn er sich dessen als wertvoll erweist. Eine sehr darwinistische Sicht, die sicherlich dem Kapitalismus Vorschub zollt.

Wir sind alle Produkte unserer Umwelt und unserer GEsellschaft und auch der Vergangenheit. Mein Gedanke ist, hier könne eine Quelle der Strenge mir selbst gegenüber liegen, mich nur dann geliebt zu fühlen, solange ich etwas dafür getan habe, nicht meiner Selbst willen, sondern nur dann erlöst werde, sobald ich es wert bin. Das war der Grundgedanke aus der Empfehlung heraus. Seitdem suche ich diese Bilder, um die Dinge zu erkennen. Ich selbst bin kein Calvinist, ich bin protestantisch erzogen, dachte immer, das sei liberal, aber nun erkenne ich auch die Schwere, die darin liegt.

Dieses Museum jedenfalls, so zeigte sich auf Nachfrage, hatte eine kleine Ecke zu dem Thema Calvinismus und Reform im Zusammenhang mit der Stadtgründung und -entwicklung, weil Emden als Anlaufpunkt für die vertriebenen Reformisten aus ganz Europa und insbesondere aus Holland Anlaufpunkt war. Im Roman war ebenfalls die Rede von Emden. Deshalb kam ich auf die Verbindung. Zu diesem Thema suchte ich Bilder und ich fand sie. Mich faszinierter der Unterschied zwischen Katholiken und den Reformern um Luther, nicht weil ich besonders gläubig oder kirchenverhaftet bin, sondern weil ich der Meinung bin, uns als Mitteleuropäer muss diese Entwickung mitgeprägt haben. Und zwar sehr nachhaltig und mittlerweile ins Unterbewusste gerutscht, weil es so lange her ist. Aber es wirkt noch immer, so wie der Zweite Weltkrieg noch wirkt, auch bei denen, die zu der Zeit noch nicht lebten.

Jedenfalls: Zuerst ging ich den 2. Stock und stieß auf ein sehr dunkles und bedrückendes Bildnis von der Gräfin Anna von Oldenburg, das mich in seinem Ausdruck sehr berührte. Dunkel, schwarz, aschfahl, streng, gespenstisch, gespensterhaft, blaß, diese Gewänder, diese Kappe, dieses glänzende Ölbild. So streng waren die Menschen damals, in ihrem Glauben, in ihrem Weltbild, in ihrem Gottesbild, bloss keine Freude zeigen, schwarz, nicht lebensbejahrend.

Trotz des Erschreckens, auf den zweiten Blick, diese strenge Frau hat doch ein gütiges Gesicht, freundliche Augen, einen verschmitzt lächelnden Mund. Meine Oma schaute auch immer traurig drein, lächelte selten und wenn ja, dann verschmitzt und versteckt. Äußerlich hatte sie keine Ähnlichkeit, darauf will ich nicht hinaus, aber wie kann man sich auf den ersten Blick täuschen. Warum haben die Maler derart dunkle Bilder gemalt? Puh. Aus der Gottesbezogenheit, wegen der Strenge, um die Menschen einzuschüchtern, nur ja schön brav zu sein, damit sie in den Himmel kommen? Da gabs sogar zu meiner Kindheit ein entsprechendes Gebet, das ich aufsagen musste vorm Zubettgehen. Schrecklich einschüchternd war das. Deshalb fühle ich mich selbst heute noch in evangelischen Kirchen unwohl. Katholische Kirchen mag ich ebenfalls nicht so gern, weil sie mir zu schwülstig sind. Aber so schließt sich der Kreis, Kirche, Gott und Glauben waren immer einschüchternd und nicht erlösend oder beruhigend. Gott wurde mir als Angstvision eingebleut. Doch schon sehr calvinistisch.

Nach diesem Wow-Erlebnis dann noch weitere interessante Entdeckungen. Die Stadt Emden schien mich nicht ohne Grund ins Museum getrieben haben.

Buchbesprechungen „Im Garten des Vaters“

Aufgelesen
Eine recht nüchterne Beschreibung.

Die Süddeutsche
Hieraus finde ich unbedingt diesen Absatz eindrucksvoll, weil hierin das Verhältnis zu seinem Vater als Peiniger zum Ausdruck kommt. Selbst er, der Misshandler, wird in seinem verwerflichen und züchtigenden Verhalten noch als Liebender entschuldigt.

Medienprofile
Hans ist eine labile Persönlichkeit, die in die Fänge einer religiösen Sekte gerät. Wäre Hans nicht in die Fänge geraten, sofern sein Vater ihm mehr Liebe gegeben hätte, er zu stärkeren Persönlichkeit geworden wäre? Leider erfahren wir es nicht.

Deutschlandradio
Die Botschaft der ohnmächtigen Aufklärung wurde verstanden. Die Geschichte eines Menschen, der seine Verstrickung sieht, sich aber nicht aus ihr lösen kann.

Berliner Literaturkritik
Blinder Fanatismus eines Christen. Die „Strafe Gottes“. Die beklemmende Geschichte über einen Mann, der in die Fänge fundamentalistischer Calvinisten gerät und zu schwach ist, sich dem zerstörerischen Einfluss dieser „zweitklassigen Apostel des Herrn“ zu entziehen, spielt nicht etwa in finsterer Vergangenheit, sondern in jüngster Zeit. Glaubenskrieger finden sich nicht nur unter Islamisten.

Literatur Blog
Manchmal spürt er selber, dass er auf einem bedenklichen Weg ist und darin seinem Vater sehr ähnlich wird. Seine tapfere Frau kämpft um ihn und um das gemeinsame Glück…

„Im Garten des Vaters“

Ersteinmal wünsche ich allen ein frohes, neues Jahr. Plötzlich ist wieder das nächste Jahr angebrochen. Der Wechsel geht irgendwie immer schneller vonstatten. Na ja, lassen wir diese Platitüden.

Gerade las ich ein Buch aus, von dem ich berichten will. „Im Garten des Vater“ von Jan Siebelink. Die Story beschreibt die Lebensgeschichte eines Holländers, der in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist und in die Hände von religiösen Fanatikern, Sektiern, gerät. Auch eine schöne Frau, mit der er sich seinen Lebenstraum erfüllt und eine Gärtnerei eröffnet, bewahren ihn nicht vor dieser Heimsuchung. Eine strengcalvinistische Bruderschaft, die sein Leben mit Höllendrohungen und Unterwerfung zur wirklichen Hölle machen. Selbst am Totenbett veranstalten sie ein Szenario, das unter die Haut geht.

Die Frau von Hans hält zeit seines Lebens zu ihm, obwohl sie leidet.

Spannend ist eben der Bogen vom strengen Vater zu den strengen Brüdern. Hans scheint das Strenge mit Liebe zu verwechseln oder zu hoffen, dass hinter dem Schweren, doch noch die Liebe und die Erlösung wartet.

Ich bin nun nicht in der Weise erzogen worden, aber ich kann gelegentlich gut das drohende und präsente Bestrafende, für Hans ist es Gott, nachvollziehen. Geschieht etwas denke ich, das ist die Strafe, dass es mir gutgegangen ist oder ich es mir habe zu gut gehen lassen. Wie doch dieses permant Anwesende der latent zu erwartenden Bestrafung in mir ist, gruselig. Das Buch sprach mich von dieser emotionalen Seite sehr an. Zumal mir klar wird, wie präsent in uns allen dieser religiöse Wahn vorhanden ist, ohne dass er uns bewusst ist. All das ist nicht lebensbejahend, sondern macht das Leben nur schwer, wo es doch das Leben schön machen soll. Wie die Religionen die Menschen doch unter die Knute setzen.

Das Buch ging mir sehr unter die Haut. Insbesondere das Ende brachte mich an den Rand dessen, was ich vertrage. An Einschlafen war nicht zu denken, weil meine Kopfmaschine  angeschmissen, nach Parallelen zu meinem Leben suchte. Die gibt es, wenn auch nicht in der Religiosität.