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Sehn-Sucht

Sehnsucht nach ewiger Verliebtheit. Durchtränkt von diesem Gefühl wie ein Kind mit Verspieltheit.

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Emden, Calvinismus, Backstein und Strenge

Am Wochenende verschlug es mich nach Emden, die Seehafenstadt an der Ems und am Dollart. Der Besuch war nicht ganz freiwillig, ermöglichte mir eine Erkundungstour durch die Stadt.

Sorry, liebe Emder, Cappuccino-Flair kam bei mir nicht auf beim Stadtbummel. Das Wetter war nicht sommerlich, aber ganz okay. Mir wäre danach gewesen, mich in schönes Strafencafé zu setzen, nur leider fand ich keines. Schon mein Erschrecken war groß beim Anblick dieses Stadtbildes, das so spröde und uneinladend war mit seinem billigen Backstein, der allenthalben das Stadtbild verunzierte. Backstein, schön und gut, aber nur Backstein erinnert mich an eine Kaserne, obwohl ich nie beim Militär war.

Weitere Entdeckungstouren wollte ich nciht machen, kein einladendes Straßencafé, kein Stadtflair, alles war bedrückend. Allenthalben dieser dominierende Backstein. Selbst Patrizierfassaden sind aus rotem Backstein. Nein, das passt nicht. Die Gebäude wirken, als seien sie allesamt Kasernenbaustil.

Otto Waalkes und Karl Dall brauchten wahrscheinlich ihren Witz, um diese Nüchternheit und Strenge zu überstehen und haben aus ihrer Überlebensstrategie eine Kunst und eine Weltanschauung gemacht.

Deutsch: Ostseite vom Otto Huus, dem Haus von ...

Emden überraschte mich dann über doch noch und der Tag wurde ein Gewinn. Scheinbar musste mich dieses verdrießlich stimmende Stadtbild vergraulen und an den Ort bringen, der mir etwas sagen wollte, der diese Reise mit einem tiefen Sinn versah: Das Ostfriesische Landesmuseum.

Ich muss vorschalten, vor einigen Jahren das Buch „Im Garten des Vaters“ von Jan Siebelink nahegelegt bekommen zu haben. Das Buch handelt von einem Jungen, der von seinem Vater geschlagen wurde und Zeit seines Lebens auf der Suche nach der Liebe seines Vaters war und dessen Handlung irgendwie gutheissen wollte und dabei in die Hände von religiösen Fanatikern und Eiferer geriet. Dies waren Calvinisten, die allem Schönen und Heiteren den Garaus machten. Wahrscheinlich war der Junge anfällig aufgrund seiner väterlichen Prägung.

Seit der Lektüre dieser dunklen Geschichte interessiert mich der Begriff Calvinismus, weil doch darin einiges an Erklärung für die Schwere des Lebens bzw. der Prägung, das Leben so zu sehen, liegt. Die Protestanten und mehr noch die Calvinisten verbannten Gottes- und Heiligenbildnisse aus den Kirchen, verwarfen den Gedanken, ein Mensch sei nicht von Gottesgnaden gerettet, sondern Gott erbarmt sich dem Menschen, wenn dieser dazu berufen ist, was dazu führte, dass die Menschen sich um die Errettung durch Ehrbarkeit und Fleiss bemühten, was zu völliger Unterwerfung und Angst führte. Der Mensch ist nicht wegen seiner Selbst wegen von Gott geliegt, sondern nur dann, wenn er sich dessen als wertvoll erweist. Eine sehr darwinistische Sicht, die sicherlich dem Kapitalismus Vorschub zollt.

Wir sind alle Produkte unserer Umwelt und unserer GEsellschaft und auch der Vergangenheit. Mein Gedanke ist, hier könne eine Quelle der Strenge mir selbst gegenüber liegen, mich nur dann geliebt zu fühlen, solange ich etwas dafür getan habe, nicht meiner Selbst willen, sondern nur dann erlöst werde, sobald ich es wert bin. Das war der Grundgedanke aus der Empfehlung heraus. Seitdem suche ich diese Bilder, um die Dinge zu erkennen. Ich selbst bin kein Calvinist, ich bin protestantisch erzogen, dachte immer, das sei liberal, aber nun erkenne ich auch die Schwere, die darin liegt.

Dieses Museum jedenfalls, so zeigte sich auf Nachfrage, hatte eine kleine Ecke zu dem Thema Calvinismus und Reform im Zusammenhang mit der Stadtgründung und -entwicklung, weil Emden als Anlaufpunkt für die vertriebenen Reformisten aus ganz Europa und insbesondere aus Holland Anlaufpunkt war. Im Roman war ebenfalls die Rede von Emden. Deshalb kam ich auf die Verbindung. Zu diesem Thema suchte ich Bilder und ich fand sie. Mich faszinierter der Unterschied zwischen Katholiken und den Reformern um Luther, nicht weil ich besonders gläubig oder kirchenverhaftet bin, sondern weil ich der Meinung bin, uns als Mitteleuropäer muss diese Entwickung mitgeprägt haben. Und zwar sehr nachhaltig und mittlerweile ins Unterbewusste gerutscht, weil es so lange her ist. Aber es wirkt noch immer, so wie der Zweite Weltkrieg noch wirkt, auch bei denen, die zu der Zeit noch nicht lebten.

Jedenfalls: Zuerst ging ich den 2. Stock und stieß auf ein sehr dunkles und bedrückendes Bildnis von der Gräfin Anna von Oldenburg, das mich in seinem Ausdruck sehr berührte. Dunkel, schwarz, aschfahl, streng, gespenstisch, gespensterhaft, blaß, diese Gewänder, diese Kappe, dieses glänzende Ölbild. So streng waren die Menschen damals, in ihrem Glauben, in ihrem Weltbild, in ihrem Gottesbild, bloss keine Freude zeigen, schwarz, nicht lebensbejahrend.

Trotz des Erschreckens, auf den zweiten Blick, diese strenge Frau hat doch ein gütiges Gesicht, freundliche Augen, einen verschmitzt lächelnden Mund. Meine Oma schaute auch immer traurig drein, lächelte selten und wenn ja, dann verschmitzt und versteckt. Äußerlich hatte sie keine Ähnlichkeit, darauf will ich nicht hinaus, aber wie kann man sich auf den ersten Blick täuschen. Warum haben die Maler derart dunkle Bilder gemalt? Puh. Aus der Gottesbezogenheit, wegen der Strenge, um die Menschen einzuschüchtern, nur ja schön brav zu sein, damit sie in den Himmel kommen? Da gabs sogar zu meiner Kindheit ein entsprechendes Gebet, das ich aufsagen musste vorm Zubettgehen. Schrecklich einschüchternd war das. Deshalb fühle ich mich selbst heute noch in evangelischen Kirchen unwohl. Katholische Kirchen mag ich ebenfalls nicht so gern, weil sie mir zu schwülstig sind. Aber so schließt sich der Kreis, Kirche, Gott und Glauben waren immer einschüchternd und nicht erlösend oder beruhigend. Gott wurde mir als Angstvision eingebleut. Doch schon sehr calvinistisch.

Nach diesem Wow-Erlebnis dann noch weitere interessante Entdeckungen. Die Stadt Emden schien mich nicht ohne Grund ins Museum getrieben haben.

Mutter’s Leitsätze

Meine Mutter haute ihre Lebensweisen ungefiltert raus, die ich als Kind oder als Jugendlicher natürlich aufschnappte. Sie wirken noch heute. Gelegentlich kommt mir so eine Stilblüte in den Sinn.

Eine gern genommene Äußerung war, sobald sie jemand gegenüber stand, der selbstbewusst und fröhlich war. Solche „Typen“ konnte sie nicht ausstehen. Sie sagte im sehr negativen Sinne und mit entsprecher Betonung „der ist aber von sich überzeugt.“

Ich nahm diesen Satz natürlich auf und übersetze ihn für mich, Selbstbewusstsein oder Fröhlichsein ist etwas schlechtes, schon gar Balzgehabe und Protzerei. Alles, was irgendwie danach aussieht, von sich überzeugt zu sein oder es so wirken zu lassen, ist möglichst zu vermeiden.

Fröhlich und ausgelassen zu sein, gelang mir als Kind vor meinen Eltern nicht, erst heute so langsam traue ich mich. Auch bin ich eher von Zurückhaltung und zu viel Rücksichtnahme geprägt, was grundsätzlich nicht schlecht und in der heutigen Zeit schon fast wieder eine Tugend ist, nur ich empfinde dies oft als Bremse, ich stehe mir damit im Weg. Tja, die Worte der Mutter…

Die Physik-Arbeit

Sammlung Kindheit und Jugend (Stiftung Stadtmu...

Image via Wikipedia

Meine Tochter schreibt morgen eine Physikarbeit. Themen: Elektrizität und Magnetismus. Sehr spannend, weil ich mich derart als Vater gefordert mit dem Thema auseinander setzen muss. Also, warum leuchtet eine Glühbirne, wie erkläre ich Elektrizität, Strom, Magnetismuss, Dinge, die ich nicht anfassen kann? Und dann in dieser Sprache von Lernbüchern?

Spannende Themen. Sie führen mich auch an meine Grenzen, weil ich aufpassen muss, mit meiner Ungeduld nicht die Motivation der Tochter zu zerstören, die oft wie ein zartes Pflänzchen schnell zertreten ist. Zumal ich meine Situation in dem Alter vor Augen geführt bekomme, ich erlebe erneut, wie es bei mir war, wie ich fühlte, wie ich mich verloren fühlte, wie sich meine Eltern verloren fühlten, mir zu helfen. Ich fühle ihre Ungeduld, ich fühle meine Ungeduld, die Blockaden, die Angst, die Frustration, die entstehende Lernunlust.

Das muss nun der Kopf beiseite wischen, denn meine Kindheit ist vorbei, versuche also, meine Tochter zu helfen, was nicht leicht ist. Sind Kinder auch dazu da, die eigene Kindheit nochmal zu erleben, sie zu heilen, damit den Kindern zu helfen? Oft genug erscheint mir der Schmerz so groß, dass ich davor flüchte, aber meiner Tochter helfe ich damit nicht.