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Bernstein

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Merkwürdig. Eigentlich wollte ich einen Beitrag zu etwas ganz anderem schreiben. Plötzlich bog ich ab. Der Bogen springt eigentlich, von Sex und Sport handelte es, ansich schon eine merkwürdige Aufreihung, die nur zu Missverständnissen führt. Gemeint war tatsächlich das, was ich schrieb und nicht was man sich zusammenreimt. Sex als Sport. Nein. Dann auch noch die Wendung des Ganzen, zu etwas völlig Unerwartetem. Ich schrieb und veröffentlichte, ein paar Minuten später wollte ich den Artikel revidieren. Zu spät. Jemand hatte bereits gelesen. Deshalb ließ ich ihn unverändert. Eine Ahnung zudem, ich würde bei jemandem eine gewisse Reaktion hervorrufen, ließ ich außer Acht. Ich wollte es schreiben, weil der Traum mich begleitet. Tatsächlich handelt er von Frau – ich nenne sie mal – C. Träume von Realität, geträumte Realität, gelebte Realität, reale Träume, reale Wirklichkeit, wahrgewordene Träume, allzu schnell aufgegebene Träume, alles miteinander verbunden. Noch nicht einmal versteckte Wirklichkeit, wirkliche Wirklichkeit und dennoch finde ich mich im Traummodus wieder, weil ich nicht alle Kirschen am Baum essen darf.

Warum so und nicht anders? Eine seltsame Feststellung. Eine sehr besondere Freundin stellt mir unbequeme Fragen dazu, die ich nicht beantworten kann. Zumindest finde ich geschriebene Worte von mir. Zumindest war es kein Traum, sondern wahr, zumindest befinde ich mich im Leben, weil ich fühle, bin, entscheide. So oder so.

Stillstand wäre der Tod

Stillstand wäre der Tod, oder nichts mehr spüren wäre ebenso der Tod. So sagt gern eine mir nahe stehende Person. Dennoch, warum muss das Spüren immer so schmerzhaft sein? Warum fühlt sich Fühlen so an, als schnitte jemand mit einem scharfen Teil in mir rum? Entweder sind es leise Flügelschläge, die sich auswirken, als hätte ich eine Cholik oder eben Angst oder Wut, die sich ungleich heftiger und schmerzhafter anfühlen.  Will man das? Oder eben lieber doch nichts spüren.

Zwei Zustände kenne ich, die mir äußerstes Wohlbehagen verursachen. Sex und Sport. Hinterher fühle ich mich wie neugeboren, leicht und ausgeglichen. Das mit dem Sport ist relativ leicht zu erzeugen, mit dem Sex, das ist schon nicht mehr so einfach. Sex an sich ist dabei noch das eine, aber diesen besonderen Zustand zu erzeugen wird schon schwieriger.

Meine Fantasie läuft davon und landet in deinem Bett, in dem wir liegen, erschöpft, glücklich, nass, heiss, die Körper aneinandergeschmiegt, die Hitze lässt sich kaum aushalten, das Voneinanderlösen aber auch nicht. Wir liegen, als wären zusammengewachsen, genießen, es läuft Musik, die unweigerlich in die offenen Gefühlsbahnen eindringt und sich unauslöschlich mit dem Glücksgefühl im Körper vermengt.

Dein Gesicht sieht kindhaft-glücklich aus, du bist vor Glück wieder das junge Mädchen. Du sagst von mir, ich sei glücklich, entspannt, wie sonst selten locker. Du sagst sogar, ich sei schön in diesem Zustand. Ich freue mich darüber, nicht über das Kompliment, sondern weil ich ausstrahle, was ich fühle.

Eine Bewegung des anderen, und die Lust ist wieder geweckt, wir verschmelzen, so geht es Stunde im Stunde, die Bernsteinkirchturmuhr leuchtet herein, sie ist zunehmend besser vom Bett aus zu sehen und taucht den Raum in ein märchenhaftes Licht.

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Es war kein Traum. Ich vermisse dich, ich vermisse das Licht, diese Musik, diesen rauschhaften Zustand. Auch die Erinnerung tut weh. Diese Momente sind schwer zu beschreiben, weil ich sie hergab, aus Angst, sie zu verlieren. Mir schnürt sich der Hals zu.

Verliebte Tochter

Natürlich bin ich auch schon sehr stolz auf sie, aber eben auch erschrocken, sie ist nun zwar noch immer die jüngste Tochter, aber nicht mehr die Kleine. Wie soll ich das beschreiben, warum das so nicht ganz leicht ist? Es stellt einen Abschied dar, der ist traurig.

Gleichzeitig bin ich aber auch stolz und froh, wie offen sie ist, die Kommentare greifen das auf.

Gestern gab es eine neue Wendung. Die Tochter ging zu meiner Frau und zweifelte an der Sinnhaftigkeit. Sie philosophierte mit ihr. Was das denn heissen würde, mit jemandem zu gehen, den sie doch im Grunde nicht richtig kennen würde. Quatsch sei das doch, sie müssten sich doch erstmal kennen lernen. Nein, sie wolle sich doch nicht festlegen. Sie wolle nun mal abwarten.

Ob es morgen zu dem Besuch kommt, weiss ich nicht. Mir gegenüber erzählt sie davon nichts, ich drängele sie auch nicht. Aber schon toll, wie sie reflektiert und darüber sprechen kann. Ich konnte das mit 14 Jahren nicht. Darüber bin ich sehr froh. Gleichzeitig schaue ich wehmütig zurück, wie wäre es gewesen, wenn ich es gekonnt hätte? Bestimmt ist das ein tolles Gefühl, sich so aufgehoben in der Welt zu fühlen, sich zu Hause so wohl zu fühlen.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

„Mann sein auf halber Strecke“

Am Montag strahlte arte die Sendung „Mann sein auf halber Strecke“ aus. In dieser Dokumentation geht es um sechs Männer zwischen 40 und 55 Jahren. Ihnen gemein ist die Suche nach sich, nach einem neuen Leben und ihren Krisen. Genauer gesagt, der Midlife Crisis.

Sie berichten über ihre Gefühle und wie es dazu kam, dass sie ihr altes Leben nicht mehr leben konnten. Die Worte und Gefühle berührten mich sehr. All das, was ich da hörte, kenne ich, hätte es nicht besser ausdrücken können.

Gerade Gérard, 55 Jahre alt, beschreibt sich und seine Entwicklung, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Seine Identitätskrise und die Gefühle mit den Rahmenbedingungen ist Bestandteil seiner Erzählung. Sehr angesprochen hat mich die Aussage, im Laufe der Zeit habe sich ein Druck aufgebaut, ein Weltschmerz, den andere nicht nachvollziehen konnten und der eine Fremdheit gegenüber sich selbst erzeugt. Je größer der Druck wird, umso stärker steuere ich dagegen. Bis plötzlich alles aus mir herausbricht.

Die Sendung kann noch ein paar Tage in der Mediathek angesehen werden. Wo? Bei arte. Dort gibt es einen Bereich „arte+7“, der ausgestrahlte Sendungen eine gewisse Zeit vorhält. Ich glaube, es sind sieben Tage. Es lohnt sich. Wer sich ein wenig damit auskennt, kann die Streams als Folge auf den PC herunterladen.

Braves Kind

„Ich war so grau wie unser Haus. Spielte jeden Donnerstag mit den Söhnen der Mortelliers Tennis. Ich – ich war ein sehr braves Kind und völlig uninteressant. Ich träumte davon, mit dem Fahrstuhl in den sechsten Stock zu fahren, um hinauszuschauen. Ein waghalsiges Abenteuer, nicht wahr? In den sechsten Stock zu fahren! Ein richtiger Dummkopf, wirklich … „

aus: Ich habe sie geliebt, Anna Gavalda

IMG_0154Als ich diese Zeilen las, musste ich schlucken. Wovon träumte ich als Junge? Was waren meine Träume, die mich antrieben, am Leben hielten, voran brachten? So spontan fiel mir nicht ein, was meine Träume als Junge waren. Es machte mich ganz unruhig, dass da so gar keine Bilder kamen.

Von Lokführer, Pilot und Brückenbauer oder Entdecker träumte nicht. Meine Träume waren nicht waghalsig, sie waren auch eher unspektakulär. Als Junge in der Schule gehörte ich nicht zu denen, die den Mädchen ins Auge fielen, die spannend waren oder irgendwie angesagt waren. An der Schulen waren die Jungs, die die größte Klappe hatten und den meisten Mist verzapften, diejenigen, an die sich die Mädchen hielten. Zu denen gehörte ich nicht, ich versuchte es, aber es klappte nicht.

Meine Träume hielten sich versteckt, waren melancholisch, verträumt. Nichts, worüber ich mit einem Freund redete, mit dem ich prahlen konnte. Nichts, was ich selbst überhaupt jemals in Worte bringen konnte.

Ich glaube, ich träumte von der großen Liebe, ohne zu wissen was das ist, ein unbekanntes, großes, abstraktes Gefühlsgebilde. Vielleicht etwas, von dem ich gelesen oder es im Film gesehen hatte.

Ich glaube, das war es, was mich getragen hat die Jahre über. Dennoch spüre ich ein großes Nachholbedürfnis.

Ein Blick in mein Seelenleben

Vor gar nicht so langer Zeit lebte ich nur im Außen, meine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit nach der Aufdeckung der Beziehung zu Frau B. und der nun folgenden Reaktion von Frau Notos beeinflusste mein Leben in außerordentlichem Maße so einschneidend, dass ich nicht mehr Herr im eigenen, inneren Haus war. War ich bis zu der Aufdeckung und noch einige Zeit danach einigermaßen im Gleichgewicht, so änderte sich das total. Meine Handlungshoheit war verloren. Zudem war es sicherlich ein Fehler, meiner Frau auch noch diesen Blog zu zeigen. Eine Freundin warnte mich davor, aber ich ließ nicht ab. Grund für diese Offenbarung war ganz bestimmt der Gedanke, wenn ich sie in meine Gedankenwelt einbeziehe, würde sie mich verstehen. Der Gedanke war richtig, sie verstand mich sehr gut und reagierte auf die einzige für sie richtige Weise.

Die folgende Zeit war der Horror. Nicht in erster Linie wegen dem, wie sie reagierte, sondern weil ich nicht mehr bei mir war, mir nicht genügte, dem etwas entgegen zu setzen. Gelassenheit, Abwarten und eigene Wege wären der richtige Weg gewesen. Oder besser eigene Handlungsmodelle zu entwickeln, mich abzugrenzen, mich zu schützen. Statt dessen ließ ich meine Frau nicht mehr aus den Augen.

Unablässig bedrängte ich Frau Notos nach Erklärungen, ich wollte reden, wissen, alles rauslassen. Sie wollte nicht, sie machte ihr Ding und ließ mich außen vor. Sie bedrängte nicht mich, sondern ich sie, was nach Lage der Dinge eigentlich anders hätte sein müssen.

Ihr Schweigen und ihre Art, zu reagieren machten mich wahnsinnig. Ich hatte Angst, sie zu verlieren, was ja eigentlich Quatsch war, weil ich sie eigentlich schon längst verloren hatte. Schon vor Frau B. war das so, sie wollte nicht, ich erreichte sie nicht. Irgendwann einmal beklagte sie sich, ich sei ein Egoist, mein Interesse und meine Energie nehme ich aus der Angst, sie könne gehen und drehe sich nur um mich.

Ganz vorsichtig optimistisch beruhigte sich meine Gefühlslage. Einerseits, weil die Bedrohung und die akute Gefahr ein wenig gebannt scheint, andererseits, weil ich mir vorstellte, was im schlimmsten Fall passieren könne.

Der schlimmste Fall wäre, sie vögelt voller Vergnügen und Lust mit einem anderen, hält mich hin, ich lasse es geschehen, leide und reagiere nicht. Diese Situation stelle ich mir vor, nicht in allen Einzelheiten, aber ich frage mich, könnte ich damit umgehen? NEIN. Könnte ich hoffentlich nicht, nicht umgehen, sondern handeln. Vor Wochen konnte ich es nicht. Aber nun. Das macht mir ein wenig Mut.

Abhalten und einsperren kann und will ich sie nicht. Aber Offenheit kann ich erwarten, damit ich damit umgehen kann. Ich glaube, die kann sie mir nicht geben. Offenbar, um mich zu schützen, in Wirklichkeit aber wohl, weil sie selbst ein schlechtes Gewissen hat und sich schützen will. Sie hat aus Rache mit ihm geschlafen, nicht aus Liebe. Reden will sie darüber nicht, aber es muss irgendwie schief gegangen sein.

Würde sie ihn wieder besuchen wollen, wäre ich Stand heute jedenfalls viel ruhiger und gelassener. Toll fände ich es nicht, aber ich könnte sagen, sie zeigt mir Vertrauen, davon zu erzählen. Soll sie fahren und eine gute Zeit haben. Auf die Gefühle, die dann bei mir kämen, müsste und könnte ich mich einstellen, hoffentlich ruhiger und weniger verzehrend als beim letzten Mal. Dieses Mal sehe ich darin meine Chance, mit meiner Angst umzugehen, sie nicht zu bekämpfen und woanders hinzutragen, sondern zu sehen, auch im schlimmsten Fall werde ich nicht verzehrt, weil ich mich rette und die Kraft dazu habe, mich nicht ausliefere, nicht leide, nicht erdulde, nicht aushalte, sondern für mich sorge, tue, was mir gut tut, und nicht zuerst schaue, was ihr gut tut, so, wie ich es bei meiner Mutter lernte.

In meiner Kindheit lernte ich diese gelassene Sicht nie kennen. Meine Mutter hätte meine Ängste nur noch mehr verstärkt und zu ihren Ängsten gemacht. Das wusste ich, deshalb berichtete ich nie von Krisen, weil das alles noch verschlimmert hätte. Meine Mutter ist und war viel zu unsicher und unreif, um damit hätte umgehen zu können, mir ein Trost und eine Stütze zu sein. Nur als Kind wusste ich das nicht, vielleicht instinktiv, aber ich war ihr mit ihren Ängsten ausgeliefert. Die Verunsicherung niestete sich bei mir ein, ließ mich nie ganz wieder los.

Warum ich von Frau B. nicht erzähle? Weil ich aus Angst, meine Frau zu verlieren, den Kontakt abgebrochen habe.  Wo all die Gefühle und Träume und Sehnsüchte hin sind? Keine Ahnung. Versteckt, irgendwo in den Tiefen meines Herzens.

Ich bin froh, dass das alles so weit ist, wie es ist. Mein Körper und meine Seele reagieren mit Erschöpfung, ich bin müde und ohne Schwung, ausgelaugt, suche Erholung, ohne mich erholen zu können. Ich suche meine Frau, seit langem, ich wünsche mir, dass wir miteinander schlafen, innig, ohne das Gefühl, eine Pflicht erfüllt zu bekommen. Suche ich meine Frau oder eine Frau, eine Frau, mit der ich meine Sehnsüchte leben kann, Nähe und Abstand, Sex und Zärtlichkeit, Reden, Sprechen, Angenommen sein, Zuneigung, aber auch Distanziertheit und Auseinandersetzung, Angekommen sein.

Die Ereignisse zeigen mir, wo ich emotional eigentlich stehe, mir fehlt die Unabhängigkeit und mir fehlt die Freiheit zu sagen, ich gehe, aus Angst vor dem Schritt in die Freiheit. Es wird sich zeigen.

 

 

Die Liebe ist irre

Die eine Frau will ich, zieht sich zurück, schon lange, hält mich hin. Trotz Affäre verlässt sie mich nicht, rehabilitiert mich jedoch nicht, jedenfalls nicht richtig. Es bleibt ein komisches Gefühl des nicht Angenommenseins. Wir fühlen uns zusammengehörig, das schon, aber Zuwendung und Zuneigung findet wenn, dann unterschwellig statt.

Im Grunde war das Fremdgehen ein verzweifelter Versuch, die Beziehung am Leben zu erhalten, indem ich den Erwartungsdruck von Frau Notos wegnahm und so für Entlastung sorgte. Das gelang, aber nur solange, wie es nicht publik wurde. Mir ist die Wirkung der Worte nach außen bekannt, die Beschreibung eines Verzweifelten, der sich des Scheiterns der Ehe unter normalen Gesichtspunkten bewusst ist, dieses Bewusstsein hingegen verdrängte und nicht wahrhaben will.

Dann ist da die andere Frau, die mich will, für die ich nicht die Gefühle empfinde, um ihr die gewünschte Zuneigung und Zuwendung zu geben. Alles sehr kompliziert, würde ich sagen. Fragte mich ein Freund, würde ich ihm raten, lass die Finger davon, weil er nicht die Verantwortung für die Gefühle der Frau übernehmen kann. Sie ist im Bilde über alles, unterlag keinem Schwindel und keinen Versprechen. Freundschaft war das, was ich ihr anbieten kann. Nur diese Freundschaft funktioniert nicht, ihre Gefühle sind intensiv, ich empfinde das nicht, das macht es kompliziert. Dennoch schätze ich die Gespräche. Mir genügt das, ihr nicht. Sie will sich treffen, ich eher nicht.

Die Kräfte der Liebe sind ungleich verteilt. In Bezug auf meine Frau wird mir erst in diesen Tagen bewusst, wie ungleich. Geschichte, wie die Liebesnähe beschreiben Wünsche und Sehnsüchte, wie ich sie auch in mir habe, sicherlich nicht so gut beschreiben kann, aber durch diese schriftstellerische Leistung fremde Worte bekomme, die ich gern ausdrücken würde. Ich gehe also davon aus, dass ich normal bin, dass meine Gefühle berechtigt sind, einen Raum haben dürfen, ich dafür sorgen muss. Nur leider finden die Gefühle bei meiner Frau keinen Raum. Um die Waage auszugleichen, suchte ich eine außereheliche Beziehung, zur Kompensation. Ja, so ist das. Unsere Beziehung scheint sich in Richtung einer dieser berühmt-berüchtigten Vernunftsehen zu entwickeln. Wo bleibt dabei die Leidenschaft, das Verlangen, das Begehren? Holt sie es sich woanders? Wie gehe ich damit um? Darf ich mir meine Sehnsüchte befriedigen, woanders? Kann ich das, damit umgehen, frei sein, endlich, auch im inneren Frieden mit dieser Situation umgehen?

Wilhelm Genanzino schrieb ein Buch mit dem treffenden Titel: Die Liebesblödigkeit, der alles sagt und weiter