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Die letzten Männer

Derzeit wird kaum ein Thema so subtil zum Dauerbrenner in den Gazetten und Magazinen behandelt, wie…, nein, nicht der 100. Jahrestag des Beginns des 1. Weltkriegs, auch nicht Putin oder dieses verlorene Flugzeug, oder Hoeneß, nein, die Entdeckung des Mannes als eigenständiges Wesen und die Frage, woher er kommt, was er macht, was er will und was frau möglicherweise von ihm will. Immerhin meinen Frauen seit Alice Schwarzer, Männer seien irgendwie überflüssig, zumindest für die übliche Alltagsabwicklung. Für das eine oder andere sind sie gut genug. Das nagt im Selbstverständnis oder es nervt schlicht. Für mich eindeutig das Thema des Jahres. Das „neue“ Selbstverständnis des Mannes. Was mich das betrifft? Okay, ich bin ein Mann, rein biologisch gesehen. Aber was macht mich als Mann aus? Woher komme ich, wohin will? Wer prägte mich? Warum muss ich immer so lange hin und her überlegen, wenn etwas zur Entscheidung ansteht?

In den 60-er Jahren aufgewachsen, in den 70-ern pubertierend, frage ich, wer bin ich eigentlich als Mann? Sozialisiert wurde ich in einer Zeit der political-correctness, Schule war geprägt von links-liberalen Lehrern, Kriegsschuld, Anti-Imperialismus und später der Angst vor Raketen aus dem Westen, die aus dem Osten waren auch da, aber schienen für den einen oder anderen nicht so bedrohlich. Warum, weiß nicht, wahrscheinlich weil man annahm, die aus dem Osten funktionieren eh nicht.

Mein Vater war, wie viele Väter, wenig anwesend, dafür war mein Opa sehr häufig zu Hause und erzog mich mit. Die beiden waren eine ganz andere Welt, als die Väter und Großväter von Freunden, noch viel anders, als die Männer im Fernsehen. Zwei Welten prallten aufeinander.

Als neuen Mann war man den weichgespülten Mann gewohnt, der, der strickt und Norwegerpullover trägt („Hallo, ich bin der Maddin“, à la Dieter Krebs). Raubbeinig durfte man nicht sein, Macho schon gar nicht, Softies waren angesagt. Aber auch nicht wirklich, wer Sex wollte, musste wiederum anders sein. Klar war, es war kompliziert.

Die Väter und Großväter waren noch ganz anders gepolt, kriegs- oder nachkriegsgestählt hatten sie sowieso ganz andere Interessen und Sorgen, welche, weiß ich nicht. Wahrscheinlich gingen ihnen ihre Frauen auf den Zeiger, was sie aber nicht offen zeigen durften. Und den Frauen gingen ihre Männer auf den Zwirn, was sie aber nicht zeigen durften. Der Hausarzt verschrieb schon mal ein Paar Pillen gegen Niedergeschlagenheit, heute heißt es Depression und ist Gesellschaftsfähig. Früher war eben alles ein wenig versteckter, nicht so offen. Scheisse durfte man nicht sagen, schon gar nicht im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und Fernsehen. Von Sex redete man ebenfalls nicht.

All diese komischen Gedanken gingen unbewusst und unbeantwortet durch meinen Kopf, Gedanken, die so unklar war, ich kann sie noch nicht einmal mehr formulieren, geschweige denn früher fragen. Eine Antwort hätte ich eh nicht bekommen. Wahrscheinlich besorgte Blicke oder Pillen gegen Niedergeschlagenheit oder eine Drohung mit Erziehungsheim.

Emotionalität von Opa oder Vater, was war das? Kloppte ich mir mit dem Hammer auf den Finger, kam entweder ein mitleidiges Kopfschütteln meines Vaters wegen meiner Unfähigkeit oder ein „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ als Angstbitte, bloß nicht loszuheulen und ihn damit zu überfordern.

Die Freunde und Bekannten meines Vaters und Großvaters waren allesamt Typen voller cooler Sprüche, breitbeinigen Schweigens oder großspuriger Sprüche. Sprüche hatten sie immer alle drauf, ich nie. Beeindruckt von ihrer „Stärke“, verschämt von meiner Schwäche strahlte ich sie als Vorbilder an.

Mein Männerbild war das eines Cowboys ohne Pferd und Gewehr, typenmäßig so John Wayne und Ben Cartwright, grobschlächtig, emotionale, aber gutmütige Typen. Geredet wurde wenig, Ernsthaftigkeit war Trumpf. Je strenger und ernsthafter und verschlossener, nahm ich an, desto mehr Mann. So, dachte ich, müsste man sein.

Fanden die Mädels so gar nicht, merkte ich bald. Ob ich tatsächlich versuchte, so zu sein, weiß ich nicht, zumindest aber so, wie die coolen Typen aus der Raucherecke unserer Schule. Dummerweise war und bin ich ein schlechter Schauspieler, beide Rollen konnte ich nicht und wunderte mich, weil ich bei den Mädels abblitzte. War die wieder zickig, dachte ich, oder ich bin eben nicht toll und cool genug. So gingen die Jahre ins Land und ich nahm meine Opferrolle mit.

Heute wird schon mal ein Mann, der nichts will, idealisiert. Mal ganz was anderes, als der Macher, der, der eiskalt als lonesome Cowboy vorangeht. Der keine eigenen Bedürfnisse hat, der nicht auf der Suche nach Glamour, Jugendlichkeit, Geld ist. Ein Mann, der nichts will, außer, eine Frau eine Zeit lang ein bisschen glücklicher zu machen. So stehts zumindest im Zeit-Magazin vom 27.3.2014, Nr. 14 geschrieben. „Über eine neue Männerrolle“ schreibt die Autorin, eine Frau wohlgemerkt, Heike Faller.“ In dem Artikel ging es jubilierend um eine neue Männerrolle und ob damit das Ende der Evolution erreicht ist, wird frohlockt. Für mich nicht. Verdammt. Ich will kein Hausklave der Frauen werden, obwohl ich mich manchmal genau dort gesehen habe.

Aber was will ich dann? War ich nicht lange auch ein Mann, der seiner Frau „gehorcht“, versucht, es ihr recht zu machen, weil er denkt, seine Pflicht zu erfüllen, wie schon Vater und Großvater? Und aus diesem Pflichtbewusstsein seine Kraft, Motivation und Berechtigung zieht.

Dummerweise oder besser, glücklicherweise klappt das nicht mehr. Ich ziehe alles in Zweifel, und spüre, wie mir die Kraft ausgeht, der Familienvater zu sein, der Versorger, der Hausmeister, der Anstreicher. Wie hat nur mein Vater das ausgehalten? Er ist nicht geflüchtet, sondern noch immer da. Ich weiss, er ist innerlich immegriert, führt seine Form des Guerilla-Kampfes gegen meine Mutter, seine Frau.

Ich stehe gewaltig an einem Punkt im Leben, der mich fragen lässt, und nun? Kinder groß, im Job läufts so weit, neue Herausforderungen kündigen sich nicht an, soll das alles gewesen sein, genieße ich die daraus erwachsenden Freiheiten? Kann ich sie überhaupt annehmen, oder bin ich genetisch darauf gepolt, neue Kontinente zu entdecken oder darf ich mir eine Überlegenspause gönnen, die dann aber gefälligst konstruktiv zu etwas nütze ist. Warum tue ich mich so schwer, warum bin ich so voller unterschiedlicher Möglichkeiten und nicht so klar wie der Cowboy auf dem Pferd? Bin ich da kein echter Mann? Was prägt mich?

Bin ich untätig, faul, schlau, oder was? Sollte ich einen neuen Job suchen, eine neue Frau oder eine andere Herausforderung, um mein Leben zu füllen oder sollte ich besser erstmal nichts erzwingen und in mich hineinhorchen? Dieses nicht als Schwäche, sondern als der Stand der Dinge, als Stärke ansehen?

Die erste Frau im Leben eines Mannes prägt besonders und nachhaltig, das ist erwiesen und unstrittig. Es gibt Zeitgenossen, die vom Einfluss der Mutter eher ungern etwas hören wollen. Derartige Gedanken sind eher störend. Unbedacht dessen macht eine Mutter etwas mit einem, Ödipussi lässt grüßen. Meine Mutter war immer dann besonders glücklich mit mir, wenn ich ihr zur Seite gestanden habe, und besonders unglücklich, wenn dies nicht so war. Das prägt. Das Belohnungs- und Bestrafungssystem, das, auch wenn es noch so subtil ist, internalisiert, das System funktioniert irgendwann so perfekt, man spürt es nicht. Leichtes bis mittelschweres Unbehagen beizeiten, sicherlich, das lässt sich aber wegdrücken und abspalten. Manchmal versagt es, dann wird’s unangenehm. Ziemlich schmerzhaft sogar, weil auf die Frage, wie soll ich denn nun leben, wenn all die erlernten Muster wegbrechen, weil ich sie zum Kotzen finde, noch keine Antwort gefunden wurde. Ein Abgrund tut sich auf. Viele Fragen, wenig Antworten.

In den letzten Jahren war ich damit beschäftigt, mich von meiner Mutter zu lösen, habe dabei kurzfristig eine Trennung von meiner Frau gehabt, dachte, all das sei ein Weg. Mutter_Kind

Eine neue Frau bietet sich natürlich als mögliche Lösung an. Prof. Dr. Roth (ja, ich hatte die Freude und Ehre, mit ihm zu sprechen. Was wäre geworden, solch einen Mann als Vater zu haben?) erklärte mir mal in einem Gespräch über die Möglichkeiten, sich zu verändern, Neugierde und eine neue Partnerschaft würden die Veränderung eines Menschen am besten unterstützen, dies würde sich dem natürlichen Alterungsprozess am besten entgegenstellen.

Was bedeutet das? All die Muster, die mit der Angetrauten sich so leer anfühlen erneut anfangen? Nein, das geht auch nicht, weil eine neue Beziehung von Anfang an schal wäre. Wie verdammt, komme ich zu mir, damit ich weiss, was ich will? Mit all meinen verkorksten Männerrollen von Opas und Vätern, die heute so wenig taugen, wie ein Boxermotor in modernen Autos.

Ganz so ist nun nicht, dennoch, eine gewisse devote Haltung gegenüber Frauen hatte ich schon. Ich gebe das zu. Heute sehe ich mich da anders, komme denoch nur sehr schwer aus meinem alten Rollenbild heraus. Aus Bequemlichkeit und mangels eines anderen Vaterbildes. Es ist schwer, dagegen anzukämpfen. Lange war die Mutter das Thema, den Vater hatte ich komplett aus Acht gelassen bei meiner Mann- und Menschwerdung.

Ich fühle mich lahmgelegt, all die Strömungen und Muster in mir legen mich lahm. Ich fühle mich auf mich gestellt. Komme ich doch gerade nicht so daher, wie frau uns Männer gern sieht, einerseits „emanzierpiert, gleichberechtigt, sensitiv“ (so stehts im „zeitmann“ aus der ZEIT vom 27.3.2014), anderseits „Gentleman, Muskelprotz, Hirsch, Rannehmer“. Auch dort zitiert.

Gerade fühle ich mich nicht „sowohl-als-auch“, sondern weder noch. Immerhin mache ich mich nicht mehr zum Erfüller von Frauenwünschen.

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Die falsche Verantwortung

In der Gruppe erzählte eine Teilnehmerin von ihren Plänen und Absichten, als Lehrerin verbeamtet zu werden. Diese Angebot ihres Arbeitgebers kam ziemlich überraschend, weil sie eigentlich nicht mehr damit gerechnet hat und begonnen hatte, sich nach einer anderen Stelle umzusehen. Umso erfreuter und aufgeregt war sie. Diese Mitteilung machte sie vor einigen Wochen. Es entspann sich anschließend eine Diskussion darüber, ob sie denn anlässlich der anstehenden amtsärztlichen Untersuchung etwas von ihrer Therapie erzählen soll.

Einige waren der Meinung nichts davon zu erzählen. Ich hingegen, war der Meinung, auf Nachfrage besser die Karten auf den Tisch zu legen, weil ansonsten mit negativen Folgen zu rechnen sei, weil sie erhebliche Information verschwiegen hat, was beamtenrechtlich zu Problemen führen kann.

Sie selbst ist sie eher der Typ, „ich lüge lieber, bevor ich einen Nachteil dadurch erfahre.“ Im Grund mein Gegenentwurf. Die Absprache war deshalb, ich würde mich erkundigen an kundiger Stelle, ob und inwieweit es angeraten sei, besser die Karten auf den Tisch zu legen. Im Laufe einiger Tage kam ich meinem Versprechen nach und berichtete ihr von meinen Recherchen und meiner Empfehlung: Karten auf den Tisch, damit später niemand bei möglichen Nachfragen auf eine andere Wahrheit stößt und ihr eine Entfernung aus dem Dienst wegen Verheimlichung wesentlicher Informationen droht.

Letzte Woche nun berichtete sie über ihren Termin. Entgegen ihrer Absicht verkündete sie dem Amtsarzt von ihrer laufenden Therapie. Das Gespräch darüber verlief anfangs interessiert, später dann mit stark nachlassendem Interesse danach. Jedenfalls war meine Bekannte schwer entsetzt über sich, das Thema entgegen ihrer Absicht nun doch offenbart zu haben. So ihr Bericht in der Gruppe.

Mir ging es während der Erzählung „irgendwie“ nicht gut damit, weil ich mich natürlich angesprochen fühlte, wobei ich das unangenehme Gefühl wegdrückte und sie nicht darauf ansprach. Was hätte ich auch fragen sollen? „Bist du mir jetzt böse? Bin ich für deine schlechten Gefühle verantwortlich?“ Erwartete ich eine Absolution? Ja, doch, sicher, schon, ich fühlte mich verantwortlich. Dabei hatte ich ihr nur meine tiefste Überzeugung mitgeteilt. Was sie damit macht, ist eigentlich ihr Ding. Gewiss, wären da nur nicht diese komischen Gefühle gewesen, die in meinem Bauch zwickten.

Gestern trafen wir uns wieder. Leider war „sie“ nicht dabei. Immerhin kam ich auf die gute Idee, von meinen Gefühlen zu sprechen, in der Runde. Die Wirkung derartiger Erzählungen ist immer wieder immens, es kommt raus, der Nebel lichtet sich und jemand hatte tatsächlich auch noch eine gute Erklärung für mein mulmiges Gefühl.

Sofort wurde der Bogen zu meiner Mutter geschlagen, ihre Hysterie, ihre Ausfälle, wie ich mich dafür verantwortlich fühlte, wie ich dafür bestraft wurde, wenn ich meine eigene Meinung einnahm und vertrat. Immer und immer wieder ging ich dagegen an, was sie sagte, immer und wieder gab es diese schlimmen Auseinandersetzungen, an deren Ende, nachdem meine Wut verflogen war, nur noch Reue und schlechtes Gewissen und Angst übrig blieb. Wie oft versank ich in einem Nebel des Vergessens, der Sprachlosigkeit, auch meine Mutter, weil diese Streits nie wieder hochgerufen und besprochen wurden. Die bleierne Sprachlosigkeit überdeckte alles, sie legte sich trügerisch um mein bebendes schlechtes Gewissen, um meine Angst, beruhigte es, auf trügerische erstickende, aber nicht wirklich in heilender, beruhigender Weise. Zwei, drei Tage vergingen so, dann war wieder alles beim alten, geklärt und bereinigt werden konnten die Situationen nie. Ich blieb bis heute damit allein.

Und in der beschriebenen Situation taucht das Muster wieder auf, das mir in der Gruppe gezeigt wurde. Ich selbst bin drauf gekommen.

Die angehende Lehrerin werde ich nächste Woche fragen, was sie davon denkt, ob sie es mir nachträgt, sie auf eine andere Schiene gebracht zu haben. Egal, wie es ausgeht, nach dieser Erklärung gestern belastet es mich nicht, weil ich den Zusammenhang zu früher und meiner Mutter erkannte, wonach ich mich immer für das Wohlergehen für sie verantwortlich fühlte oder eben für das Nichtwohlergehen.

Erschreckend ist, wie tief dieses Muster in mir steckt, wie schlecht es für mich auszumachen ist, wie es mich bremst, wie es mir Lebensfreude nimmt, diese falsche Verantwortlichkeit, diese wohl immer noch nicht erfolgte Loslösung von der Mutter.

Glück, Tränen und Idioten

Diese Zitate verdienen es, festgehalten zu werden.

„Glück macht keine guten Geschichten. Glück lässt sich nicht beschreiben.“

„Glück malt man mit Punkten. Unglück mit Strichen. Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viel kleine Punkte machen, wie Seurat. Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.“

Georges Seurat 035

Georges Seurat 035 (Photo credit: Wikipedia)

„Ich dachte an das Kind, an das sechs Zentimeter große, unbekannte Kind, das ich nicht gewollt und das ich verloren hatte. Es hatte keinen Namen und kein Gesicht. Ich wusste nicht einmal, ob es ein Junge oder ein Mädchen gewesen war.“

„Ihr Männer seid Idioten, sagte Louise, ihr könnt nur lieben, wenn ihr zurückgestoßen werdet.“

aus: Agnes, von Peter Stamm

Glück spüre ich nicht, erst dann, wenn es vergangen ist, dann sehne ich mich nach dem Moment zurück. Vielleicht spüre ich Glück schon, nur ich traue dem Zustand nicht, weil er so flüchtig ist, erst dran gewöhnt, schon wieder verschwunden, das Ausblenden könnte den Verlustschmerz verhindern. tut es aber nicht. Der Abstand erst ermöglicht mir in bitterer Weise den Blick auf das vergangene Glück.

Das verlorene Kind brachte mich aus der Fassung. Unverhofft und heftig. Im Zug, unter fremden Menschen.

Tja, Männer sind keine Idioten, sie wurden zu braven Schoßhündchen erzogen. Im späteren Leben müssen sie sich der allmächtigen Mutter entledigen.

Meine Schwiegermutter

Meine Schwiegermutter ist über 70 Jahre, gehbehindert und nicht mehr alleine fähig, ihr Leben zu führen. Sie ist auf die Hilfe ihres Sohnes angewiesen, der mit ihr gemeinsam in ihrem Haus wohnt. Der Lebensgefährte meiner Schwiegermutter ist vor einem halben Jahr gestorben, auch aus Kummer und Überforderung, die diese Situation mit sich bringt. Seitdem hat die Familie und insbesondere mein Schwager ein Problem, weil die Stütze seiner Mutter nicht mehr da ist.

Meine Schwiegermutter selbst ist mit ihrer Situation sehr unglücklich, unleidlich und wurde im Laufe der Jahre immer unausstehlicher, mit ihr auszukommen, ist nicht leicht. Ein Schlaganfall setzte ihr sehr zu, das Laufen fällt ihr seit dem schwer. Eine Reha verwarf sie, schlug sie aus, sie wollte nicht. Ich stritt mich darüber sehr mit ihr, weil ich ahnte, was passieren würde. Die Gehfähigkeit nicht wieder zu erlangen, bedeutet Pflegebedürftigkeit. Ihr war das egal, sie meinte, sie schafft das allein, wieder auf die Beine zu kommen. Hat sie aber nicht.

Nun sitzt sie im Rollstuhl und die Familie hat ein Problem. Mein Schwager leidet zunehmend unter der Situation und ist überfordert, schafft es nicht, die Pflege zu übernehmen, auch wegen ihrer Unleidlichkeit. Und nun? Heim? Ich verdränge das, mich drückt das trotzdem, macht mir Schuldgefühle. Diese ehedem so lebenslustige und starke Frau vergeht in ihrem Rollstuhl. Wo fängt die menschliche Pflicht an, zu helfen, wo hört sie in Anbetracht des eigenen Lebens auf? Wie hängt diese Erstarrrung, dieses Ausblenden mit meinen anderen Bereichen zusammen? Ich habe einen Bekannten, der ist so klar und entscheidungsfreudig, der holte für seine Eltern eine Pflegekraft in deren Haus, verweigerte aber selbst jede praktische Übernahme der Pflegetätigkeit. Immerhin hat er etwas getan.

Ich selbst komme bei meiner Schwiegermutter nicht weiter. Sie oder mein Schwager verweigern diese Hilfeangebote. Es geht nicht voran, das wurmt mich, es ist nichts geregelt, sie lassen sich auf nichts richtig ein und so wurschteln sie vor sich hin und ich habe ein schlechtes Gewissen wegen des menschlichen Elends.

Ich bin wieder bei mir

Endlich wieder das Gefühl von mehr Leichtigkeit.

Ich bin mir wieder nah und lebe nicht in der ständigen Angst, Trennungsangst, Lebensangst, die durch das drohende Verlassenwerden oder nicht mehr Geliebtwerden durch Frau Notos bestimmt wird.

Die letzten Tage waren schrecklich. Permanent beherrschte mich dieses Gefühl, dieses uralte Gefühl, das von ganz tief unten heraufkam und sich an der Fantasie mit Frau Notos kristallisierte.

Ganz bestimmt hatte es mit Schuld zu tun, dem Trauma mit Frau Notos, ihrer Reise und dem Gefühl, sie zu verlieren.

Warum war ich nicht in der Lage, mich zu retten, warum schaute ich immer auf sie? Warum konnte ich nicht entscheiden, was ich will? Trennung oder nicht, so weitermachen oder nicht? Alles nicht so wichtig, mich wieder zu finden war wichtig, meinen Lebenswillen, meine Handlungshoheit.

All diese Gefühle bezogen auf Frau Notos haben zu tun mit Ego, Narzissmus, Liebe und uralten Muttergefühlen. Allerdings mit wirklicher Liebe am allerwenigsten, obwohl ich sagen muss, mir geht es gerade jetzt ein Stück besser, weil der Druck nachlässt, dies zu entscheiden.

Meine große Frage, ob ich gehen könnte, ist nicht beantwortet. Die Grenze, an der ich es festmache, zeichnet sich allerdings ab.

English: Sascha Schneider, "The Feeling o...

Selten spürte ich mich so gut, wie in den letzten Tagen und Wochen. Meine Liebe in mir, aber auch meine Abhängigkeiten und Ängste, die mich sehr stark ausmachen. Bisher versuchte ich, dieses Ängste sicherlich zu verdrängen, nur es ging nicht mehr, sie zeigten sich tags, wie auch nachts. Mit zunehmender Tagesdauer stieg die Wahrscheinlichkeit, mich in meinen Fantasien zu verstricken, Bilder in den Kopf zu bekommen, die mir nicht guttun. Diese Bilder haben mit Verschwörung, Verrat, Verlassenwerden, Hilflosigkeit zu tun, so stark, wie vermutlich Todesängste sein können. Unvergleichbar, ohne Frage, solche Ängste kenne ich nicht, oder habe sie vielleicht als Kind verdrängt, drängen sie nun ans Tageslicht?

Das Gute daran ist, ich verliere ein Stück weit Angst vor der Angst, die mich so lähmt, ausharren lässt, mich klein machen lässt. Die Angst kommt und geht, in Wellenmustern, sie bringt mich nicht um, ich überstehe sie.

Die alten Muster zu meiner Kindheit sind all zu deutlich sichtbar, mit Frau Notos hat all das ursächlich wenig zu tun. Kausal jedoch gibt es eine ganz deutliche Verbindung zwischen meiner Kind und dem Jetzt. Frau Notos gab mir immer diese Sicherheit, die mir so fehlte. Nun erschüttert mich eine potentielle Trennung in den Grundfesten umso mehr, weil ich nie lernte, emotional auf eigenen Beinen zu stehen.

Unfassbar wütend bin ich jedoch auf Frau Notos, weil sie mir keine ausführlichen Antworten gibt. Für sie scheint die Welt schwarz und weiss zu sein, oder irgendeine andere Farbe, die so klar, dass sie nicht erklärt werden muss. Sie weicht mir aus, sie will nicht reden, sich erklären. Meine Frau ist und bleibt undurchsichtig.

Was finde ich an ihr? Ist Liebe derart irrational? Keine Ahnung, ich spüre nur dieses irrsinnig starke Hingezogensein zu ihr. Funktioniert das nur deshalb, weil es nicht im gleichen Maße erwidert wird? Was ist das nur?

In den Arm nehmen

Gestern nahm ich meine Mutter in den Arm.

Was so etwas skuril klingt, bedeutet für mich eine ganze Menge. Sie in den Arm nehmen, konnte ich nicht. Darüber nachgedacht habe ich nie wirklich.

Nun weiss ich, woran es lag, ich war wütend auf sie und hatte auch Angst vor ihr und der Begegnung. Angst, nachzugeben, verschlungen zu werden.

Okay, etwas ungewohnt fühlte sich der Moment an, auch für sie, sie war total verlegen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht, welche Veränderungen es mit sich bringt, diese alte Wut und Angst überwunden zu haben.

Männlichkeit

Noch vor einigen Jahren war das Leben nicht einfacher, auf jeden Fall aber anders. Da galt es, einen Beruf zu erlernen, den richtigen Beruf zu finden, sich dort zu etablieren, möglichst Ziele erreichen, um Karriere zu machen.

Gleichzeitig kamen die Kinder, Haus und Hof forderte einen obendrein, wobei allein für die Kinder schon ein eigenes oder mehrere Kapitel zu erwähnen wäre. Die Ehefrau wühlt voll mit, zu Hause allemal mehr, jeder der beiden Partner erfüllt mehrere Aufgaben und Rollen zur gleichen Zeit.

Jeder erfüllt seinen Part, bemüht sich um Perfektion. Allein, wie meine Frau über Jahre für drei Kinder jeden Tag gekocht und getan hat, nötigt mir allergrößten Respekt ab. Das ist der absolute Wahnsinn an Leistung, die überhaupt nicht hoch genug noch gelobt und anerkannt werden kann. Ja, ich sagte es ihr.

Die Kinder sind wohlgeraten bzw. geraten noch. Das Haus bedarf irgendwie eines Updates, nicht größer, sondern eher kleiner oder anders. Der Job muss auch irgendwie anders gestaltet werden.

Vorallem die Beziehung jedoch, die jahrelang litt und sich nicht so recht in die sorgenfreien und luftigen pränatalen Zeiten anschließen will, bedarf neuer Betrachtung und Pflege. Da blieb doch eine Menge auf der Strecke. Ich möchte wieder miteinander, als nebeneinander. Nur, geht das mit der Frau, nur geht das mit dem Mann, die/der mitunter andere wurden? Still und heimlich nebeneinander her? Will ich die Sehnsucht leben, bleibt die Sehnsucht nur dies und ohne Aussicht auf Wirklichkeit oder ist das, was ist, das, was auch nur sein kann?

Eine andere Liebe, kann sie die Lösung sein? Oder ist dies keine Lösung, sondern ein vorgescheiterter Weg?

Ist primär an ganz anderer, unerwarteter Stelle zu suchen? In mir selbst? Muss ich den Mann zuerst in mir suchen, der ich sein will, um er zu sein, muss ich den verdrängten Vater suchen?

Mein Kind suche ich schon länger, bin da schon viel weiter. Aber der Vater, der zwar da war, aber nie so richtig präsent und mir nicht zeigte, was ein richtiger Mann ist, will doch auch innere Anerkennung.

Klar, mein Vater zeigte mir, wie ich einen Bohrer halten muss, wie ich mein Fahrrad sauber halte, dass ich nicht weinen soll, sofern das mit dem Bohrer nicht klappte und ich den Finger traf. Das war für mich Männlichkeit. Auch das Zurückpoltern, wenn meine Mutter ihm zu nahe kam, das Zurückweisende, das nicht Auffangende.

Was mir von da früher, in meiner Jugend fehlte, ist das Haltende und Offene, das Empfindsame, das ruhig Überlegte. Fehler machen zu dürfen und zu müssen, daraus zu lernen, dazu stehen, die Verantwortung übernehmen, es das nächste Mal besser machen und nicht  an Perfektionsdenken zu scheitern.

Das ist Männlichkeit, das lernte ich, selbstbeigebracht, aber nicht anerzogen. Ein enhimmelgroßer Unterschied bedeutet es, die Umsetzung erfolgt nicht selbstverständlich.

Ich weiss, ich kann das, dachte nur immer, das wäre falsch, zu weich, zu unmännlich. Gelernt habe ich das mittlerweile, nur nicht von meinem Vater, den ich irgendwie ablehne, weil ich es auch so vorgelebt bekommen habe. Die Mutter hat am Ende recht.

Nun geht mir auf, wie wenig ich mir erlaube, männlich zu sein. Ist mir das überhaupt wirklich bewusst? Verwechsele ich Männlichkeit mit Hart sein oder sogar Brutalität? Nein, bei mir ist es eher „ein der Mutter gerecht werden“. Eine fiese Erkenntnis, ich bin oder war mutterorientiert.

Welche Auswirkungen dieses Muster auf die Liebes- und Beziehungsfähigkeit hat, lässt sich mehr als nur erahnen, sondern in der einschlägigen Literatur nachlesen.

Ein weites Feld, das ich mir anschauen muss. Bis dahin will ich aber nicht auf eine liebevolle Beziehung verzichten. Ich weiss noch immer nicht, ob das mit meiner Frau geht. Aber geht es mit einer anderen Frau? Ist das eine Lösung? Bin ich wieder zu streng mit mir? Fand ich nur wieder ein neues Feld, um mich vor Entscheidungen zu drücken (unmännlich)?

Was ist tatsächlich männlich?