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Stillstand wäre der Tod

Stillstand wäre der Tod, oder nichts mehr spüren wäre ebenso der Tod. So sagt gern eine mir nahe stehende Person. Dennoch, warum muss das Spüren immer so schmerzhaft sein? Warum fühlt sich Fühlen so an, als schnitte jemand mit einem scharfen Teil in mir rum? Entweder sind es leise Flügelschläge, die sich auswirken, als hätte ich eine Cholik oder eben Angst oder Wut, die sich ungleich heftiger und schmerzhafter anfühlen.  Will man das? Oder eben lieber doch nichts spüren.

Zwei Zustände kenne ich, die mir äußerstes Wohlbehagen verursachen. Sex und Sport. Hinterher fühle ich mich wie neugeboren, leicht und ausgeglichen. Das mit dem Sport ist relativ leicht zu erzeugen, mit dem Sex, das ist schon nicht mehr so einfach. Sex an sich ist dabei noch das eine, aber diesen besonderen Zustand zu erzeugen wird schon schwieriger.

Meine Fantasie läuft davon und landet in deinem Bett, in dem wir liegen, erschöpft, glücklich, nass, heiss, die Körper aneinandergeschmiegt, die Hitze lässt sich kaum aushalten, das Voneinanderlösen aber auch nicht. Wir liegen, als wären zusammengewachsen, genießen, es läuft Musik, die unweigerlich in die offenen Gefühlsbahnen eindringt und sich unauslöschlich mit dem Glücksgefühl im Körper vermengt.

Dein Gesicht sieht kindhaft-glücklich aus, du bist vor Glück wieder das junge Mädchen. Du sagst von mir, ich sei glücklich, entspannt, wie sonst selten locker. Du sagst sogar, ich sei schön in diesem Zustand. Ich freue mich darüber, nicht über das Kompliment, sondern weil ich ausstrahle, was ich fühle.

Eine Bewegung des anderen, und die Lust ist wieder geweckt, wir verschmelzen, so geht es Stunde im Stunde, die Bernsteinkirchturmuhr leuchtet herein, sie ist zunehmend besser vom Bett aus zu sehen und taucht den Raum in ein märchenhaftes Licht.

kirche

Es war kein Traum. Ich vermisse dich, ich vermisse das Licht, diese Musik, diesen rauschhaften Zustand. Auch die Erinnerung tut weh. Diese Momente sind schwer zu beschreiben, weil ich sie hergab, aus Angst, sie zu verlieren. Mir schnürt sich der Hals zu.

„Mann sein auf halber Strecke“

Am Montag strahlte arte die Sendung „Mann sein auf halber Strecke“ aus. In dieser Dokumentation geht es um sechs Männer zwischen 40 und 55 Jahren. Ihnen gemein ist die Suche nach sich, nach einem neuen Leben und ihren Krisen. Genauer gesagt, der Midlife Crisis.

Sie berichten über ihre Gefühle und wie es dazu kam, dass sie ihr altes Leben nicht mehr leben konnten. Die Worte und Gefühle berührten mich sehr. All das, was ich da hörte, kenne ich, hätte es nicht besser ausdrücken können.

Gerade Gérard, 55 Jahre alt, beschreibt sich und seine Entwicklung, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Seine Identitätskrise und die Gefühle mit den Rahmenbedingungen ist Bestandteil seiner Erzählung. Sehr angesprochen hat mich die Aussage, im Laufe der Zeit habe sich ein Druck aufgebaut, ein Weltschmerz, den andere nicht nachvollziehen konnten und der eine Fremdheit gegenüber sich selbst erzeugt. Je größer der Druck wird, umso stärker steuere ich dagegen. Bis plötzlich alles aus mir herausbricht.

Die Sendung kann noch ein paar Tage in der Mediathek angesehen werden. Wo? Bei arte. Dort gibt es einen Bereich „arte+7“, der ausgestrahlte Sendungen eine gewisse Zeit vorhält. Ich glaube, es sind sieben Tage. Es lohnt sich. Wer sich ein wenig damit auskennt, kann die Streams als Folge auf den PC herunterladen.

Verlieben und Aktien kaufen

Zugegeben, der Titel mutet fremd und provokant an. Soll er auch, dennoch haben beide Handlungen miteinander zu tun, wobei verlieben eigentlich keine Handlung, sondern mehr ein Zustand ist.

Kaufe ich ein Aktie, so geschieht dies aus dem Zustand der Erwartung heraus, wie sich der Kurs entwickelt, wie sich die Firma entwickelt und ob möglicherweise sogar in Zukunft eine Dividende gezahlt wird. Ob dies eintrifft, wird mir niemand sagen und garantieren können. Im günstigsten Fall lese ich die Geschäftsberichte über die Firma, deren Bilanzen und kann gewisse Vorausbetrachtungen der Marktchancen anstellen. Egal, wie gut und fundiert ich informiert bin, eine Garantie auf die Einlösung der Erwartungen wird es nicht geben. Mehr noch, auch entgegen aller Ratschläge und Vorausinformationen werde ich möglicherweise dennoch eine Aktie kaufen, wenn ich überzeugt davon bin, dass alle Erwartungen positiv eintreten werden, weil ich eine Vision habe, weil die AG ein tolles Produkt oder sonst was hat, was mich kirre macht, was meine Illusionen, meine Fantasie und mein Bauchgefühl anheizt.

Im Grunde ist es doch mit der Liebe genauso. Ich sehe eine Frau, verliebe mich und bin geliefert, auch wenn mir der Verstand und alles sagt, lass’ das mal besser. Sobald sich der Bauch oder Herz einschaltet, ist der Mensch geliefert.

Aber was passiert da genau? Da kommt ein Mensch auf mich zu und meine Synapsen und Schalten sind komplett abgeschaltet, es läuft nur noch das Notprogramm und so ein archaischen Programm, das mich im Zweifel bis zum letzten Luftholen irgendwo hin treibt, dessen Ziel ich nicht kenne. Ausnahmezustand! Aber warum? Weil diese Frau etwas an sich hat, das mich und meine Fantasien derart beflügelt, mich ausser Rand und Band bringt. Ganz bestimmt eine Erwartung auf Erfüllung von Vorstellungen schürt. Worte, Berührungen, Klang der Stimme, das Lächeln, die Augen, die Figur, die Bewegung löst eine Welle von Projektionen aus, deren Folgen ich kaum noch steuern kann.

Es kann sogar sein, dass sie ganz anders ist, all die Verheissungen nicht erfüllen kann, ich sie auf einen Sockel stelle, nur weil sie bestimmte äußere Attribute hat, die mein Prinzessinen-Bild voll und ganz erfüllen. Egal, die Hormone sind so unter Dampf, die interessiert das nicht, die treiben mich zum Äußersten und die Angebetete in die Olymp der emotionalen und erotischen Erwartungen.

Die ersten Begegnungen und auch die Folgenden verlaufen ganz im Sinne der „prognostizierten Kursverläufe“, dann wird’s schwierig oder sogar nachgeordert, alle Portfolien aufgelöst, um das Neue finanzieren zu können. Der 7. Himmel ist nah.

Wie auf dem Aktienmarkt ist auf dem Liebesmarkt aber auch schnell ein Ende abzusehen, je steiler die Erwartungen, desto steiler kann das Abrutschen einsetzen. Die Enttäuschungen, Verluste und Schmerzen sind groß, Streits vorprogrammmiert. Vorteil in der Liebe, die Partner können sich zusammenraufen, reden, verhandeln, eine nächste Entwicklungsstufe erreichen, raus aus der Verliebtheit, raus aus dem Bullenmarkt, rein in die Zündung einer Raketenstufe der Realität.

Soll ich deshalb lieber auf Aktienfonds setzen, so im Sinne einer besseren Streuung der Risiken?

Die Liebe ist irre

Die eine Frau will ich, zieht sich zurück, schon lange, hält mich hin. Trotz Affäre verlässt sie mich nicht, rehabilitiert mich jedoch nicht, jedenfalls nicht richtig. Es bleibt ein komisches Gefühl des nicht Angenommenseins. Wir fühlen uns zusammengehörig, das schon, aber Zuwendung und Zuneigung findet wenn, dann unterschwellig statt.

Im Grunde war das Fremdgehen ein verzweifelter Versuch, die Beziehung am Leben zu erhalten, indem ich den Erwartungsdruck von Frau Notos wegnahm und so für Entlastung sorgte. Das gelang, aber nur solange, wie es nicht publik wurde. Mir ist die Wirkung der Worte nach außen bekannt, die Beschreibung eines Verzweifelten, der sich des Scheiterns der Ehe unter normalen Gesichtspunkten bewusst ist, dieses Bewusstsein hingegen verdrängte und nicht wahrhaben will.

Dann ist da die andere Frau, die mich will, für die ich nicht die Gefühle empfinde, um ihr die gewünschte Zuneigung und Zuwendung zu geben. Alles sehr kompliziert, würde ich sagen. Fragte mich ein Freund, würde ich ihm raten, lass die Finger davon, weil er nicht die Verantwortung für die Gefühle der Frau übernehmen kann. Sie ist im Bilde über alles, unterlag keinem Schwindel und keinen Versprechen. Freundschaft war das, was ich ihr anbieten kann. Nur diese Freundschaft funktioniert nicht, ihre Gefühle sind intensiv, ich empfinde das nicht, das macht es kompliziert. Dennoch schätze ich die Gespräche. Mir genügt das, ihr nicht. Sie will sich treffen, ich eher nicht.

Die Kräfte der Liebe sind ungleich verteilt. In Bezug auf meine Frau wird mir erst in diesen Tagen bewusst, wie ungleich. Geschichte, wie die Liebesnähe beschreiben Wünsche und Sehnsüchte, wie ich sie auch in mir habe, sicherlich nicht so gut beschreiben kann, aber durch diese schriftstellerische Leistung fremde Worte bekomme, die ich gern ausdrücken würde. Ich gehe also davon aus, dass ich normal bin, dass meine Gefühle berechtigt sind, einen Raum haben dürfen, ich dafür sorgen muss. Nur leider finden die Gefühle bei meiner Frau keinen Raum. Um die Waage auszugleichen, suchte ich eine außereheliche Beziehung, zur Kompensation. Ja, so ist das. Unsere Beziehung scheint sich in Richtung einer dieser berühmt-berüchtigten Vernunftsehen zu entwickeln. Wo bleibt dabei die Leidenschaft, das Verlangen, das Begehren? Holt sie es sich woanders? Wie gehe ich damit um? Darf ich mir meine Sehnsüchte befriedigen, woanders? Kann ich das, damit umgehen, frei sein, endlich, auch im inneren Frieden mit dieser Situation umgehen?

Wilhelm Genanzino schrieb ein Buch mit dem treffenden Titel: Die Liebesblödigkeit, der alles sagt und weiter

Die gestresste Seele

Die Seele strebt nach Veränderung, die Vernunft gebietet Einhalt, klammert und zerrt in Form von Angst zurück. Folge ist eine gezerrte Seele. Seelenschmerz. Sie tut weh.

Phasen der Seelischen Gezeiten

Meine Tage verlaufen in einem Gezeitenwechsel meiner seelischen Zustände.

Sie gleichen einem Auf und Ab. Je nachdem, ob ich mich innerlich stark oder neudeutsch: bei mir fühle, verläuft der Zustand recht zufrieden.

Es geht auch anders, turbulenter. In schwächeren Momenten oder oft dann, wenn Frau Notos zugegen ist, verfalle ich in eine bedürftiger Trübsal, aus der ich mich kaum
Erretten kann, sondern anfange, an Frau Notos zu zerren. Sie soll erzählen, was sie denkt, was sie fühlt, was mit diesem Mann ist und war. Wie sie überhaupt dazu kam, mich auf meiner Fahrkarte zu betrügen. Ohne diese hätte sie es nie getan, auch wenn sie dies bereits ein wenig einschränkte.

„Meine Frau“ darf mir doch so etwas nicht antun. Nicht sie. Ich ihr, aber nicht sie mir.

Mit anderen Augen belesen, ein schlimme und erbärmliche Aussage. Nur, diese Worte sind von mir. Doppelt schuldig und mich selbst bezichtigen , einerseits, andererseits die Wahrheit. Es muss ausgesprochen werden. Worte, die später nachgelesen werden wollen, Geständnisse meiner Seele.

Gedanken, die offen ausgesprochen, aber derentwegen ich dankbar sein muss, wegen der Offenheit, aber auch wegen meiner Verletzlichkeit, sie will anerkennt und angenommen werden.

Diese entsetzliche Hinterherkriecherei muss ein Ende haben. Kündigt sich ein neues Wellental an, gilt es meiner eigenen Fürsorge, mich zu schützen.

Die Rettung meiner Seele darf ich nicht nach außen tragen. Aber die Verlockung ist so gross, ich tat es so oft und so lange. Unbewusst. Dem gilt es, zu entwachsen.

Warum sehen Männer in ihren Frauen ihre Mütter, warum haben sie/ich Angst vor dem Verlassenwerden? Warum behandeln sie sie ein Stück weit wie ihr Eigentum? Ist schon klar, die Grundlagen werden in der Kindheit gelegt. Aber die ist vorbei. Was soll ich tun? Meine Frau verlassen, um mich dadurch zu heilen?

Schlimm ist die Vorstellung, was sie mit ihm getan hat, obwohl ich gleichermaßen handelte. Warum dieses ungleiche Denken? Was ich nicht will, was man mir antut, tue keinem anderen an. Ich habe mich über das Gebot hinweggesetzt.

Die Reise

Frau Notos unternimmt morgen eine Reise für ein paar Tage. Sie wird dort auch diesen Mann besuchen. Sie sagt, er sei ein Freund, nicht mehr. Was war, dass sie mit ihm geschlafen habe, hat nichts zu bedeuten. Dort gibt es Menschen, die sie kennen gelernt hat und wieder treffen möchte.

Wir redeten viel, ich fragte noch mehr, ich will es glauben, sie nicht kontrollieren und zwingen, hier zu bleiben, was sowieso nicht ginge. Ich merke, wie mich damit überfordere, ich spüre meine Angst. Ganz tief peinigt mich ein tiefer Schmerz, der mich nachts wach da liegen lässt.

Ich will ihr glauben, aber meine Angst sagt mir doch etwas? Irgendwie ist es Erpressung. Dennoch, wenn sie mir erzählt, glaube ich. Bin ich eine Zeitlang mit meiner Fantasie und meinen Gedanken allein, beginne ich wieder richtig Abgrund zu rutschen.

Ich bin eifersüchtig, meine männliche Ehre ist gekränkt, all die abgründigen, aber nachvollziehbaren Elemente der Psyche tauchen auf. Verlustangst, Wut und und und…

Nixzen sagte mal, ich müsse mich von äußeren Einflüssen freier machen. Stimmt, ich kann doch nicht diese Angst und diese Panik haben? Doch, ich kann sie haben, nur sie darf mich nicht beherrschen. Verdammt, es ist so schwer.

Natürlich könnte ich Frau Notos verlassen, aber was würde es ändern? Ich liebe sie. Sie liebt mich, aber sie benötigt Veränderung. Meine Hoffnung ist, an dieser Krise zu wachsen. Den Schmerz nimmt mir diese Hoffnung nicht.

Offene Beziehung und Affäre, ich habe gelernt, dass ich damit überfordert bin, damit eigentlich nicht umgehen kann. Gleichberechtigung hin oder her, auf dem Papier liest es sich gut. Meine Frau zu teilen, obwohl sie das nach eigenem Bekunden nicht will, kann ich nicht, will ich nicht.

Ich will flüchten, strafen, verstehen, tolerant sein, nicht tolerant sein, … ich bin zerrissen und fühle mich wie ein kleines Kind. Irgendwie verlassen und hilflos.