Schlagwort-Archive: Träume

Keine Heimlichkeiten mehr

Ich will keine Heimlichkeiten und Lügereien mehr. Diese Art des Lebens wurde mir möglicherweise eine Zeit lang gerecht, vielleicht brauchte ich den geschützten Rahmen, um mir über mich klar zu werden. Nun aber bringt mich der Zustand der Versteckerei von Gefühlen und Gedanken nicht weiter.

Vor wenigen Wochen redete ich mit Frau Notos über Wünsche, Sehnsüchte und das weitere Leben in einer sehr offenen Weise. Dabei formulierte ich Wünsche, die in mir ungelebt sind, die ich leben möchte. Das Kunststück dabei ist, ich will nicht ausziehen. Wie das wirklich funktionieren soll, weiss ich nicht wirklich, muss ich deshalb wohl auch nicht klären im Moment.

Inwieweit dieses Leben der Wünsche einer Trennung gleichkommt, sei dahingestellt. Aus juristischer Sicht betrachtet schon, aus moralischer Hinsicht auch, aber nicht aus meiner Herzenssicht.

Wir sind dabei, die Form der Beziehung neu zu gestalten. Mutig, offen und andersartig. Bisher traten die Bedrohungsszenarien nicht ein, die ich mir ausmalte. Im Gegenteil, das Miteinander veränderte sich schlagartig hin zu mehr Lebendigkeit. Komisch nur, dass das nur über diesen Weg geht. Komisch nur, dass dazu eine gewisse Außergewöhnlichkeit Pate sein muss. Die bisherige Form der Beziehung scheint demnach gescheitert. Zumindest vorerst.

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Braves Kind

„Ich war so grau wie unser Haus. Spielte jeden Donnerstag mit den Söhnen der Mortelliers Tennis. Ich – ich war ein sehr braves Kind und völlig uninteressant. Ich träumte davon, mit dem Fahrstuhl in den sechsten Stock zu fahren, um hinauszuschauen. Ein waghalsiges Abenteuer, nicht wahr? In den sechsten Stock zu fahren! Ein richtiger Dummkopf, wirklich … „

aus: Ich habe sie geliebt, Anna Gavalda

IMG_0154Als ich diese Zeilen las, musste ich schlucken. Wovon träumte ich als Junge? Was waren meine Träume, die mich antrieben, am Leben hielten, voran brachten? So spontan fiel mir nicht ein, was meine Träume als Junge waren. Es machte mich ganz unruhig, dass da so gar keine Bilder kamen.

Von Lokführer, Pilot und Brückenbauer oder Entdecker träumte nicht. Meine Träume waren nicht waghalsig, sie waren auch eher unspektakulär. Als Junge in der Schule gehörte ich nicht zu denen, die den Mädchen ins Auge fielen, die spannend waren oder irgendwie angesagt waren. An der Schulen waren die Jungs, die die größte Klappe hatten und den meisten Mist verzapften, diejenigen, an die sich die Mädchen hielten. Zu denen gehörte ich nicht, ich versuchte es, aber es klappte nicht.

Meine Träume hielten sich versteckt, waren melancholisch, verträumt. Nichts, worüber ich mit einem Freund redete, mit dem ich prahlen konnte. Nichts, was ich selbst überhaupt jemals in Worte bringen konnte.

Ich glaube, ich träumte von der großen Liebe, ohne zu wissen was das ist, ein unbekanntes, großes, abstraktes Gefühlsgebilde. Vielleicht etwas, von dem ich gelesen oder es im Film gesehen hatte.

Ich glaube, das war es, was mich getragen hat die Jahre über. Dennoch spüre ich ein großes Nachholbedürfnis.

Einkehrende Ruhe

Meine Außenkontakte reduzieren sich auf rein berufliche Beziehungen. Die Anstrengungen der letzten Wochen und Monate, ja, des letzten Jahres zeigen ihre Wirkung.

Mein Bedarf, zu reden, über die Dinge zu sprechen, sie auszudrücken ist komplett erloschen. Derzeit möchte ich einfach nur funktionieren, meine Wunden lecken, mich fühlen, in mich hineinfühlen, ohne ein Außen. Meine innere Stimme redet nicht, ich höre nichts, oder will es nicht hören. Keine Ahnung. Lese ich Berichte hier in den Blogs oder an anderer Stelle, dann warten die Autoren ab, um sich zu hören. Ich warte ebenfalls ab.

Allein meine Heilpraktikerin weiß um mich, sie ist außen genug, um mich zu öffnen.

Meine Beobachtung aus dem letzten Jahr bis heute ist, je mehr ich mich öffne, desto mehr werden Bedürfnisse bei Menschen geweckt, die ich später nicht befriedigen oder decken kann. Die Enttäuschung ist dann groß. Daher rührt möglicherweise mein Rückzug.

Meine Frau verrichtet Dienst nach Vorschrift, was Zuwendung oder besser Zugewandtheit angeht. Eigentlich nichts neues, nur mein Reaktion darauf. Vor einem Jahr reagierte ich, zog gewisse Konsequenzen, nun steht vor meiner Umgehensweise damit die Schuld aus der Beziehung. Sie spricht mir ab, Schuld haben zu sollen, aber sie ist da.

Unter der Woche funktioniert mein Leben mit sehr geregeltem Ablauf gut, am Wochenende hingegen macht es mir Probleme, weil ich die Zugewandtheit einer Partnerin vermisse. Ich denke, wir verhalten uns, wie in Schützengräben. Wir schießen zwar nicht, aber es ist auch kein Frieden eingekehrt. Die Stimmung ist beizeiten drückend. Konnte ich in der Vergangenheit dem über ein Außen entfliehen, funktioniert gerade das Mittel nicht mehr.

Überhaupt und vollkommen ungenügend funktioniert das Thema Reden. Frau Notos öffnet sich nicht, sie völlig verschlossen. Mir macht das Sorge, mehr noch, mich macht das wütend. Sie scheint im Abwarten zu verharren.

Der Schmerz setzt ein

So, als verletzte ich mich körperlich, setzt der akute Schmerz langsam, aber nachhaltig ein. Mit abnehmendem Schock setzt der Schmerz ein. Der Schock ist der ablösende Moment, der Schwung, sich zu lösen, über eine konstruierte Wut gesteuert. Der Adrenalinspiegel sinkt, die Impulse gelangen wieder zum Gehirn. Mein Fluchtreflex brachte mich ausser Reichweite. Aber jetzt: Warum habe ich das getan? Gelingt mir eine Partnerschaft nur dann, wenn mir die Partnerin nicht zu nahe kommt? Fragen stellen sich ein. Ein Mangelgefühl setzt ein. Wo sind all die guten Vorsätze und Errungenschaften und Träume geblieben? All das, worum ich so lange mit ihr kämpfte? Warum gebe ich es preis?

Alles begann recht verhalten, zufällig, ungewollt und ungesteuert. So oft schob ich es weg, bis dann plötzlich etwas entstand. Ein Traum, eine Vorstellung, ein Modell. Vieles passte, emotional, wir konnten reden, sexuell, wir hatten viele Reizpunkte, die wir auslebten, in Streits und Diskussionen. Aufgegeben, für etwas anderes, das ich so lange in Frage stellte.

Mir bleibt nur zu schauen, was kommt und darauf zu vertrauen, das Richtige zu tun. Aber ich vertraue nicht wirklich darauf, weil ich auch oft das Unrichtige tue, auch aus unlauteren Motiven, wie Angst und Bequemlichkeit.

 

Gantenbein ist zu Ende

Ich bin wahrlich kein Schnellleser, aber bei Gantenbein tat ich mich noch schwerer, als sonst. Jede Seite, jedes Wort und jeden Buchstaben las ich. Nun bin ich (endlich) durch mit dem Buch. Ehrlich, gern gelesen habe ich es nicht, sondern rein aus Interesse, um zu verstehen oder es zumindest zu versuchen, was Frisch sagen will. Am Ende war ich mir nicht sicher, ob ich die Botschaft verstanden habe.

Zwischendrin fand ich einige wunderbare Lebensweisheiten, die sich als Zitat eignen und das Miteinander von Mann und Frau angeht. Meine Motivation, mich durchzukämpfen, war auch geprägt von der Suche nach diesen Zitaten.

Warum muss die Sprache so sperrig sein, warum muss Schrift so klein und eng sein? Okay, die Sprache ist ein Stilmittel, aber nicht mein Fall. Die ständigen Personenwechsel ebenfalls nicht, zumal mir nie klar war, ob alles Fiktion oder Wirklichkeit ist. Frisch war sich darüber auch nicht wirklich sicher. Schön zu wissen, beim nochmaligen Lesen wäre ich damit einen Schritt weiter.

Seine -fiktiven- Personen malen sich Geschichten aus. Ein Mann mit Erfahrungen braucht eine Geschichte, sagt Frisch am Anfang. Es geht um eine Frau, Lila ihr Name und wie er an sie herankommt, sie nicht wieder verliert.

Er selbst wird am Anfang verlassen. Stimmt das? Dachte ich mir so und dann versucht er, mit einer neuen Identität und seiner Blindheit eine Traumfrau zu halten, was ihm nur solange gelingt, als er sich nicht offenbart. Später macht sie Schluss. Alle seine imaginären Identitäten bringen ihm keinen Vorteil, sein Leben ist sein Leben und am Ende kann er es wohl auch akzeptieren.

Der letzte Absatz des Buches ist sehr versöhnlich, er sagt sogar – „das Leben gefällt mir“ – Facebook wird er noch nicht kennen.

Die vielen Bilder und Gleichnisse sind mir ein Rätsel geblieben, gerade auch im letzten Absatz des Buches. Meint er, wie er wieder in der Gegenwart, in der Realität ankommt? Bedeutungsschwangere Worte, wie „rote Schollen der Äcker über den Gräbern“, „dunkel das Herbstmeer“, „staubige Disteln“. Wofür mag er sie verwenden? Was meint ihr?

Ich muss mal sehen, vielleicht lese ich Gantenbein nocheinmal, nicht jetzt, später, vielleicht erinnere ich mich eines Tages an das Buch. Dann.

Mir brachte es die Erkenntnis, nichts ist so wertvoll, wie die Gegenwart, genieße jeden Wein, jedes Essen, jedes Gefühl. Fiktionen sind wie Gräber. Soll ich aber ohne Träume leben? Nein.

Vogelperspektive

Wenn ich ein Vogel wäre, würde ich von Ort zu Ort fliegen und solange bleiben, wie es mir gefällt.

Ich setzte mich zu anderen Vögeln, hörte zu, was sie zu erzählen haben und flöge mit neuen Geschichten fort.

Allein auf dieser Welt wäre ich nicht, gibt es doch genug andere gefiederte Freunde. Der eine hier, der andere dort, der eine bunt, der andere weiss, der andere wiederrum schwarz, aber irgendwie alle gleich in ihrer Art.

Gelegentlich setzte ich mich zu einem Menschen, um zu erfahren, was er zu sagen hat, ob es mir gefällt, ich eine neue Geschichte habe und weiterfliegen kann, vorausgesetzt, ich verstünde ihn, ist er doch so anders in seiner Art.

So ein Vogel bekommt eine besondere Sicht von dieser Welt.