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Die letzten Männer

Derzeit wird kaum ein Thema so subtil zum Dauerbrenner in den Gazetten und Magazinen behandelt, wie…, nein, nicht der 100. Jahrestag des Beginns des 1. Weltkriegs, auch nicht Putin oder dieses verlorene Flugzeug, oder Hoeneß, nein, die Entdeckung des Mannes als eigenständiges Wesen und die Frage, woher er kommt, was er macht, was er will und was frau möglicherweise von ihm will. Immerhin meinen Frauen seit Alice Schwarzer, Männer seien irgendwie überflüssig, zumindest für die übliche Alltagsabwicklung. Für das eine oder andere sind sie gut genug. Das nagt im Selbstverständnis oder es nervt schlicht. Für mich eindeutig das Thema des Jahres. Das „neue“ Selbstverständnis des Mannes. Was mich das betrifft? Okay, ich bin ein Mann, rein biologisch gesehen. Aber was macht mich als Mann aus? Woher komme ich, wohin will? Wer prägte mich? Warum muss ich immer so lange hin und her überlegen, wenn etwas zur Entscheidung ansteht?

In den 60-er Jahren aufgewachsen, in den 70-ern pubertierend, frage ich, wer bin ich eigentlich als Mann? Sozialisiert wurde ich in einer Zeit der political-correctness, Schule war geprägt von links-liberalen Lehrern, Kriegsschuld, Anti-Imperialismus und später der Angst vor Raketen aus dem Westen, die aus dem Osten waren auch da, aber schienen für den einen oder anderen nicht so bedrohlich. Warum, weiß nicht, wahrscheinlich weil man annahm, die aus dem Osten funktionieren eh nicht.

Mein Vater war, wie viele Väter, wenig anwesend, dafür war mein Opa sehr häufig zu Hause und erzog mich mit. Die beiden waren eine ganz andere Welt, als die Väter und Großväter von Freunden, noch viel anders, als die Männer im Fernsehen. Zwei Welten prallten aufeinander.

Als neuen Mann war man den weichgespülten Mann gewohnt, der, der strickt und Norwegerpullover trägt („Hallo, ich bin der Maddin“, à la Dieter Krebs). Raubbeinig durfte man nicht sein, Macho schon gar nicht, Softies waren angesagt. Aber auch nicht wirklich, wer Sex wollte, musste wiederum anders sein. Klar war, es war kompliziert.

Die Väter und Großväter waren noch ganz anders gepolt, kriegs- oder nachkriegsgestählt hatten sie sowieso ganz andere Interessen und Sorgen, welche, weiß ich nicht. Wahrscheinlich gingen ihnen ihre Frauen auf den Zeiger, was sie aber nicht offen zeigen durften. Und den Frauen gingen ihre Männer auf den Zwirn, was sie aber nicht zeigen durften. Der Hausarzt verschrieb schon mal ein Paar Pillen gegen Niedergeschlagenheit, heute heißt es Depression und ist Gesellschaftsfähig. Früher war eben alles ein wenig versteckter, nicht so offen. Scheisse durfte man nicht sagen, schon gar nicht im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und Fernsehen. Von Sex redete man ebenfalls nicht.

All diese komischen Gedanken gingen unbewusst und unbeantwortet durch meinen Kopf, Gedanken, die so unklar war, ich kann sie noch nicht einmal mehr formulieren, geschweige denn früher fragen. Eine Antwort hätte ich eh nicht bekommen. Wahrscheinlich besorgte Blicke oder Pillen gegen Niedergeschlagenheit oder eine Drohung mit Erziehungsheim.

Emotionalität von Opa oder Vater, was war das? Kloppte ich mir mit dem Hammer auf den Finger, kam entweder ein mitleidiges Kopfschütteln meines Vaters wegen meiner Unfähigkeit oder ein „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ als Angstbitte, bloß nicht loszuheulen und ihn damit zu überfordern.

Die Freunde und Bekannten meines Vaters und Großvaters waren allesamt Typen voller cooler Sprüche, breitbeinigen Schweigens oder großspuriger Sprüche. Sprüche hatten sie immer alle drauf, ich nie. Beeindruckt von ihrer „Stärke“, verschämt von meiner Schwäche strahlte ich sie als Vorbilder an.

Mein Männerbild war das eines Cowboys ohne Pferd und Gewehr, typenmäßig so John Wayne und Ben Cartwright, grobschlächtig, emotionale, aber gutmütige Typen. Geredet wurde wenig, Ernsthaftigkeit war Trumpf. Je strenger und ernsthafter und verschlossener, nahm ich an, desto mehr Mann. So, dachte ich, müsste man sein.

Fanden die Mädels so gar nicht, merkte ich bald. Ob ich tatsächlich versuchte, so zu sein, weiß ich nicht, zumindest aber so, wie die coolen Typen aus der Raucherecke unserer Schule. Dummerweise war und bin ich ein schlechter Schauspieler, beide Rollen konnte ich nicht und wunderte mich, weil ich bei den Mädels abblitzte. War die wieder zickig, dachte ich, oder ich bin eben nicht toll und cool genug. So gingen die Jahre ins Land und ich nahm meine Opferrolle mit.

Heute wird schon mal ein Mann, der nichts will, idealisiert. Mal ganz was anderes, als der Macher, der, der eiskalt als lonesome Cowboy vorangeht. Der keine eigenen Bedürfnisse hat, der nicht auf der Suche nach Glamour, Jugendlichkeit, Geld ist. Ein Mann, der nichts will, außer, eine Frau eine Zeit lang ein bisschen glücklicher zu machen. So stehts zumindest im Zeit-Magazin vom 27.3.2014, Nr. 14 geschrieben. „Über eine neue Männerrolle“ schreibt die Autorin, eine Frau wohlgemerkt, Heike Faller.“ In dem Artikel ging es jubilierend um eine neue Männerrolle und ob damit das Ende der Evolution erreicht ist, wird frohlockt. Für mich nicht. Verdammt. Ich will kein Hausklave der Frauen werden, obwohl ich mich manchmal genau dort gesehen habe.

Aber was will ich dann? War ich nicht lange auch ein Mann, der seiner Frau „gehorcht“, versucht, es ihr recht zu machen, weil er denkt, seine Pflicht zu erfüllen, wie schon Vater und Großvater? Und aus diesem Pflichtbewusstsein seine Kraft, Motivation und Berechtigung zieht.

Dummerweise oder besser, glücklicherweise klappt das nicht mehr. Ich ziehe alles in Zweifel, und spüre, wie mir die Kraft ausgeht, der Familienvater zu sein, der Versorger, der Hausmeister, der Anstreicher. Wie hat nur mein Vater das ausgehalten? Er ist nicht geflüchtet, sondern noch immer da. Ich weiss, er ist innerlich immegriert, führt seine Form des Guerilla-Kampfes gegen meine Mutter, seine Frau.

Ich stehe gewaltig an einem Punkt im Leben, der mich fragen lässt, und nun? Kinder groß, im Job läufts so weit, neue Herausforderungen kündigen sich nicht an, soll das alles gewesen sein, genieße ich die daraus erwachsenden Freiheiten? Kann ich sie überhaupt annehmen, oder bin ich genetisch darauf gepolt, neue Kontinente zu entdecken oder darf ich mir eine Überlegenspause gönnen, die dann aber gefälligst konstruktiv zu etwas nütze ist. Warum tue ich mich so schwer, warum bin ich so voller unterschiedlicher Möglichkeiten und nicht so klar wie der Cowboy auf dem Pferd? Bin ich da kein echter Mann? Was prägt mich?

Bin ich untätig, faul, schlau, oder was? Sollte ich einen neuen Job suchen, eine neue Frau oder eine andere Herausforderung, um mein Leben zu füllen oder sollte ich besser erstmal nichts erzwingen und in mich hineinhorchen? Dieses nicht als Schwäche, sondern als der Stand der Dinge, als Stärke ansehen?

Die erste Frau im Leben eines Mannes prägt besonders und nachhaltig, das ist erwiesen und unstrittig. Es gibt Zeitgenossen, die vom Einfluss der Mutter eher ungern etwas hören wollen. Derartige Gedanken sind eher störend. Unbedacht dessen macht eine Mutter etwas mit einem, Ödipussi lässt grüßen. Meine Mutter war immer dann besonders glücklich mit mir, wenn ich ihr zur Seite gestanden habe, und besonders unglücklich, wenn dies nicht so war. Das prägt. Das Belohnungs- und Bestrafungssystem, das, auch wenn es noch so subtil ist, internalisiert, das System funktioniert irgendwann so perfekt, man spürt es nicht. Leichtes bis mittelschweres Unbehagen beizeiten, sicherlich, das lässt sich aber wegdrücken und abspalten. Manchmal versagt es, dann wird’s unangenehm. Ziemlich schmerzhaft sogar, weil auf die Frage, wie soll ich denn nun leben, wenn all die erlernten Muster wegbrechen, weil ich sie zum Kotzen finde, noch keine Antwort gefunden wurde. Ein Abgrund tut sich auf. Viele Fragen, wenig Antworten.

In den letzten Jahren war ich damit beschäftigt, mich von meiner Mutter zu lösen, habe dabei kurzfristig eine Trennung von meiner Frau gehabt, dachte, all das sei ein Weg. Mutter_Kind

Eine neue Frau bietet sich natürlich als mögliche Lösung an. Prof. Dr. Roth (ja, ich hatte die Freude und Ehre, mit ihm zu sprechen. Was wäre geworden, solch einen Mann als Vater zu haben?) erklärte mir mal in einem Gespräch über die Möglichkeiten, sich zu verändern, Neugierde und eine neue Partnerschaft würden die Veränderung eines Menschen am besten unterstützen, dies würde sich dem natürlichen Alterungsprozess am besten entgegenstellen.

Was bedeutet das? All die Muster, die mit der Angetrauten sich so leer anfühlen erneut anfangen? Nein, das geht auch nicht, weil eine neue Beziehung von Anfang an schal wäre. Wie verdammt, komme ich zu mir, damit ich weiss, was ich will? Mit all meinen verkorksten Männerrollen von Opas und Vätern, die heute so wenig taugen, wie ein Boxermotor in modernen Autos.

Ganz so ist nun nicht, dennoch, eine gewisse devote Haltung gegenüber Frauen hatte ich schon. Ich gebe das zu. Heute sehe ich mich da anders, komme denoch nur sehr schwer aus meinem alten Rollenbild heraus. Aus Bequemlichkeit und mangels eines anderen Vaterbildes. Es ist schwer, dagegen anzukämpfen. Lange war die Mutter das Thema, den Vater hatte ich komplett aus Acht gelassen bei meiner Mann- und Menschwerdung.

Ich fühle mich lahmgelegt, all die Strömungen und Muster in mir legen mich lahm. Ich fühle mich auf mich gestellt. Komme ich doch gerade nicht so daher, wie frau uns Männer gern sieht, einerseits „emanzierpiert, gleichberechtigt, sensitiv“ (so stehts im „zeitmann“ aus der ZEIT vom 27.3.2014), anderseits „Gentleman, Muskelprotz, Hirsch, Rannehmer“. Auch dort zitiert.

Gerade fühle ich mich nicht „sowohl-als-auch“, sondern weder noch. Immerhin mache ich mich nicht mehr zum Erfüller von Frauenwünschen.

Ich als Vater mit dem Sohne

Die letzten Artikel schrieb ich als Sohn, heute schreibe ich als Vater, weil ich mit meinem Sohn eine Woche auf Mallorca war.

Wir hatten vor, eine paar Tage gemeinsam die Insel zu erkunden. Da wir beide gern fotografieren, bot sich eine Reise dorthin an. So oft hatte ich ihm von dem tollen Licht im Frühjahr vorgeschwärmt. Nun hatte es endlich geklappt. Die Reise hatte aber auch für mich noch einen anderen Sinn, ich wollte unbedingt mit meinem Sohn alleine verreisen, nicht, um große Dinge zu erzählen, sollte es dazu kommen, gern, würde es nicht dazu kommen, will ich es nicht erzwingen. Auch ungesagt kommen Dinge rüber.

Leider erwischten wir wettermäßig ausgesprochen ungünstige Tage, weil es bedeckt war und teilweise regnete. Fotografieren ging nur im Graubereich. Dafür  funktionierte das Zusammensein ausgesprochen gut. Die Zeit fühlte sich leicht an, ich konnte meine Vaterrolle insoweit abstreifen, dass ich nicht vorangehen musste. Ich ließ ihn gewähren, hielt mich zurück. Ein sehr gutes, neues Gefühl. Ich denke, für uns beide. Für ihn, um zu sehen, dass ich auch entspannt sein kann und nicht dieses Vaterdings mit mir rumtrage, für mich ebenso.

Sicherlich fehlte mir ein Gesprächspartner für mein Inneres, das stellte ich schon zurück, weil ich merkte, wie wenig er darauf anspringt, er ist und kann an der Stelle kein „Gegenüber“ sein, das geht wohl (noch) nicht.

Wir lernten Leute kennen, nicht nur oberflächlich, sondern schon mit intensiven Gesprächen. Er nahm daran teil, was ich gut fand, weil er die Offenheit und das Vertrauen anderen gegenüber annehmen konnte.

Jedenfalls hat die Reise gut getan. Für meinen Teil würde ich das wiederholen. Er fand Gefallen an der Vorstellung, es auf Mallorca wandernd zu versuchen. Nix mit Ballermann, sondern Natur interessiert ihn. Also sind seine Tränen, als er mit Frau Notos und mir in den Bergen war, gut getrocknet.

Ich spürte auch, wie sehr ich ihn liebe. Manchmal konnte ich ihm kaum ins Gesicht schauen, so stark war das Gefühl. Dort auf dieser Insel begegne ich meinen Gefühlen. Nicht immer halte ich sie gut aus. Warum halte ich diese an sich positive, aber doch sehr starke Gefühl nicht so gut aus?

Vater – Sohn – Distanz – Nähe

„Mein Vater nahm die Hand von der Schulter und ergriff meine Hand. Seit meiner Kindheit hatte ich seine Hände nicht mehr berührt.

Ich wollte gerade den Widerstand aufgeben und mich gehenlassen, da überkam mich unerwartet ein seltsames Gefühl. Als würde meine Schwäche einer neuen Stärke weichen. Ich musste nicht mehr weinen. Bis zu diesem Augenblick hatte ich mich gefühlt wie ein Vater, der seinen Sohn begleitet. Seit er meine Hand genommen hatte, fühlte ich mich plötzlich als Sohn. Ich hatte meinen Vater gebraucht, und er war gekommen. Schweigend, meine Hand in der seinen, saß ich da und fühlte mich wohl. Noch nie war ich ihm so nahe gekommen. Es war noch gar nicht lange her, da wäre mir eine solche Geste peinlich gewesen. Aber in diesem Moment überhaupt nicht.“

aus: Fabio Volo, Zeit für mich und Zeit für dich

Bei der Lektüre schossen mir die Tränen in die Augen, ich war sehr gerührt, selten las ich etwas derart Zärtliches zwischen Vater und Sohn. Mir kommt die Situation undenkbar vor. Diese Nähe würde ich nicht aushalten, sehne mich jedoch danach. Wie ist das? Kann schon das Bewusstsein dafür, die Sensibilität etwas Tröstendes haben? Beschrieben wird das lebenslange Sehnen eines Sohnes nach der Anerkennung durch seinen Vater, das lebenslange Missverständnis von der Stärke des Vaters, die eigentlich eine Unsicherheit ist, die der darbende Sohn leider nicht sehen kann und sehen will. Vielmehr noch erscheint die Unsicherheit des Vater und die Angst vor dem Versagen als Vater in den Augen des Sohnes als Distanziertheit, als Ablehnung. Was für ein Drama, der Vater zieht sich zurück und der „verliebte“ Sohn auf der Suche nach Nähe empfindet dieses Zurückweichen als Zurückweisung, die ihn ein Leben lang begleitet. Wirkt das Erkennen und die Vergebung als Heilung? Schließt sich die Leere im Kopf dadurch?

mein Vater

Sehe ich ihn heute, kommt er mir vor, wie ein gebrochener Mann, ohne Antrieb, sich aufgegeben, in sich gekehrt, von seiner Frau, meiner Mutter dominiert. Dafür habe ich ihn immer verachtet. Sein einziges Mittel, aufzubegehren, war stiller Protest, passive Wut, passiver Widerstand. Ich würde mich nie trauen, ihn darauf anzusprechen, er würde sich mir nie öffnen. Was sollte ich ihn fragen? Warum er sich nicht von meiner Mutter getrennt hat? Er würde mich anschauen und denken, was will er von mir? Ich hätte auch nicht das Recht dazu, in sein Leben einzudringen, ihm derartige Ratschläge erteilen oder auch nur diese Fragen zu stellen. Hätte er die Kraft gehabt, er hätte es längst getan. So aber ist klar, er braucht meine Mutter. Und meiner Mutter geht es oft gegen den Strich, dass er sie braucht, weil sie sicherlich auch gern einmal eine starke Schulter gehabt hätte, an die sie sich anlehnen kann.

Er macht so sein Ding, einfach so, fragt nicht, erklärt nicht, tut einfach, zieht sich in seine Welt zurück. Was er denkt, vermag ich nicht zu beurteilen. Zu keiner Zeit kehrte er sein Inneres nach außen. Er hat seine liebenswürdigen Seiten, die er allerdings zu oft und zu häufig verstecken musste, weil er verletzt wurde.

Denke ich heute darüber nach, habe ich diese liebevollen, aber nie wirklich geduldeten Seiten von ihm, das spüre ich. Das Liebevolle und Gutmütige wurde oft als Schwäche ausgelegt und ausgenutzt. Das tut mir weh für ihn. Er war nie ein Schwätzer und kein Großmaul, was ihm immer anhing. Ich wollte kein Großmaul als Vater, aber hätte er doch über seine Gefühle reden können und mir das früher zeigen, dass das in Ordnung ist, auch wenn mal gegen den Strom schwimmt.

Was mir fehlt, ist mein Vater

Ich denke schon sehr lange über dieses Gefühl nach, das ich unablässig mit mir herumtrage, das mal stärker, mal weniger da ist. Dieses Loch, dieses Sehnen, diese Sehnsucht, so unbeschreiblich, tief und oft auch schmerzhaft unstillbar.

In der Vergangenheit, als das Leben im Aufbau begriffen war mit Job, Haus, Familie und Freundeskreis ließen sich die schmerzhaften Auswirkungen durch gewisse Faktoren mildern und abdämpfen, ohne jedoch jemals geheilt zu werden. Mir waren die Symptome noch nicht einmal wirklich bewusst. Heute ahne ich, dass das Kaufen als Beispiel eine gewisse lindernde Wirkung hat, oder das Vorzeigen von neuen Errungenschaft im Job. Damit ließ sich trefflich prahlen, die Wirkung war wie ein Aspirin bei Kopfschmerzen. Nur leider oder Gott sei Dank funktioniert diese Methode nicht mehr so recht, weil jedes Wachstum einmal ein Ende hat und fraglich ist, ob ich dies wirklich noch will.

Vielmehr interessiert mich dieses Gefühl, dieses „Loch“, woher stammt es, haben es andere auch, wie wirkt es und welche Folgen hat es auf mein Leben. Zumindest in der Vergangenheit schien es eine starke Antriebsfeder gewesen zu sein, die mich hierhin brachte, wo ich Stand heute bin.

Fest steht, es eine Mangelgefühl, als fehle mir etwas, Leichtigkeit, Sicherheit, Entschlusskraft und auch ein gewisser Lebensmut.

Neben den beschriebenen Methoden und Strategien half mir über eine sehr lange Zeit Frau Notos, einfach durch ihre Anwesenheit, als Stütze, als Trost. Nur leider schwindet auch dieser Wirkkreis, weil, wenn ich wirklich mal Trost will, sie es nicht kann. Scheinbar findet sie es unmännlich, es stößt sie ab.

Die Kaprizierung auf andere Frauen ist naheliegend, jedoch nicht wirklich zielführend, weil auch durch diese Methode der Kern nicht getroffen wird, ich nicht geheilt werde.

Hier im Blog und anderswo lese ich, das innere Kind zu lieben, ja, okay, ich setzte mich damit auseinander, las Bücher, diskutierte. Nur wie gebe ich meinem inneren Kind so viel Liebe, das es satt ist?

Derzeit lese ich ein Buch über einen Sohn, der über seinen Vater schreibt und die Liebe, die er vermisste, obwohl der Vater existiert, aber ihm nicht das Gefühl geben kann. Dieses Buch bringt mich auf die Idee, nicht nur immer nach meiner alles beherrschenden Mutter zu schauen, sondern zu überlegen, welche Rolle mein Vater in meinem Leben gespielt hat und welche Bedeutung ich ihm beigemessen habe. Keine. So kurz und knapp dieses Urteil ausfällt, so hammerhart ist es. Mir fehlt die Vaterliebe, die bewusste stolze Bezogenheit auf ihn. Er hielt sich stets im Hintergrund, war höchstens tadelnd und der verlängerte böse Arm meiner Mutter, sobald sie nicht mehr weiterwusste mir ihren Einschüchterungen und fehlgeleiteten Erziehungsmethoden.

Aber ein positives Beispiel war er lediglich und reduziert auf seine Rolle als Ernährer, Geldbeschaffer und Arbeitstier. Diskussionen mit ihm in liebevoller Weise fanden nicht statt, wir gerieten meistens aneinander und stritten uns. Seine Ansichten fand ich zutiefst befremdend und weltfremd. Offensichtlich provozierte er mich schon allein dadurch, dass er den Mund aufmachte. Wirklich geachtet habe ich ihn nicht.

Erzogen wurde ich von meinem Großvater, der den väterlichen Teil meiner Erziehung übernahm, dem ich viel verdanke, dem ich heute aber auch kritisch gegenüber stehe, weil er sich zwischen mich und meinen Vater drängte. Natürlich hat mein Vater das zugelassen und nie offen interveniert, dazu hatte ich zuviel Respekt vor meinem Großvater. Er wurde entwertet von ihm und auch teilweise von meiner Mutter.

Von meinem Vater lernte ich, ein sinnvolles Leben ist Arbeit und Gehorsam. Freude, Glück und Selbstverwirklichung stand nicht auf seinem Plan.

Heute ahne ich, wie mein Leben damit in Zusammenhang steht, ein präsenterer Vater hätte aus mir einen anderen Menschen gemacht, womit ich nicht sagen will, dass ich krank bin im pathologischen Sinne, aber mir machen halt bestimmte Dinge große Schwierigkeiten. Freude am Leben und bestimmte Entscheidungen fallen mir schwer, es scheint, als suche ich von außen eine Legitimierung für bestimmte Weichenstellungen, die ich nie bekommen werde und ich sie deshalb aufschiebe.

Frauen sind nicht die Lösung, aber ein naheliegender Weg Trost zu finden, dieser Weg stellt jedoch eine Sackgasse dar, die mich nicht zu mir bringen wird. Die Lösung von der Mutter und die Hinwendung zum Vater, dieser Weg scheint mir intuitiv schlüssig, um zu mir zu finden und zu wissen, mit welcher Frau und nicht Mutter ich mein weiteres Leben verbringen möchte, zum Lieben und nicht zum Trösten.

Verdammt, ja, und mir fehlt Mut, ganz konsequent zu sein. Ich bin nicht mutlos, brauche oft sehr viel Kraft, ihn aufzubringen. Oft fühle ich mich zu harmoniesüchtig und zu schnell bereit, nachzugeben, um zu gefallen. Da fehlt mir mein Vater.

Back from the USA

„Töchterchen“ ist heil angekommen. Trotz Schneechaos, mit einiger Verspätung und sichtlich geschafft ist meine Tochter gestern heil gelandet und wir sind trotz der Schneemassen gut über die Autobahn zu Hause angelangt.

Als sie dann plötzlich am Terminal stand und ich sie in den Arm nahm, gelangte mir ihre Rückkehr noch nicht wirklich ins Bewusstsein. War sie überhaupt jemals wirklich weg gewesen, war sie wirklich wieder da?

Ein halbes Jahr verrinnt wie im Fluge, erscheint im Rückblick kaum merklich zu sein. Diese zeitliche Komponente erschreckt mich.

Wirklich „weg“ war sie nicht. Wir standen permanent in Kontakt. Technische Möglichkeiten, wie iPhone mit FaceTime und WhatsApp oder Skype gibt es dafür zuhauf. Dennoch fehlt das Angesicht, das ist unersetzbar. Neuigkeiten oder Informationen können ausgetauscht werden, nur das menschliche, gefühlsmäßige Feedback fehlt.

Mir als Vater fiel es sicherlich weniger schwer, sie loszulassen, ich wusste ja, dass sie gut aufgehoben ist. Nun muss ich mich doch wieder ein Stück daran gewöhnen, eine Verantwortung zu haben. Sie muss nun ihren Weg hier gehen, den ich begleiten muss, im Hintergrund zwar, aber doch wachsam, wiederrum nicht zu eng. Als sie in den USA war, konnte ich diese Verantwortung in den Hintergrund schieben. Deshalb sehe ich ihre Rückkehr zwiegespalten.

Wenn der Vater mit dem Sohne…

Nach den letzten Tagen einer ziemlichen ausgeprägten Winterdepression erstrahlt endlich wieder eine innere Sonne. Und das Gute ist, ich habe sie mir selbst angezündet und freue mich „wie Bolle“.

Heute Morgen fiel mir ein, ich könne endlich mal in die Planung gehen, einen lange gefassten Plan umzusetzen. Mein Sohn und ich wollten schon im letzten Jahr nach Mallorca fliegen, um auf eine gemeinsame Fototour zu gehen. Leider klappte das Vorhaben nicht, weil er im Prüfungsstress war. Die Absicht war, gemeinsam über Land zu fahren, die Insel erkunden und endlich einmal freie Tage und Zeit miteinander zu verbringen. Ohne Frau, ohne Mutter, ohne Schwestern, ohne Freundin. Ich schwärmte ihm schon so oft von dem besonderen Licht dort vor. Leider blieb es beim Schwärmen.

Nun setzen wir es um. Alles klappte recht spontan, Flug, Urlaub bei ihm, Urlaub bei mir, nur das Hotel muss noch zusagen, wovon ich aber stark ausgehe.

Endlich schaffe ich es, mit meinem Sohn so eine Tour zu machen. Ich freue mich riesig. Dieses schöne Gefühl kommt ganz tief und von ganz unten aus dem Bauch. Wunderschön. Wunderbar. Toll.